Theorie:

Eine Verfeinerung des Naturalismus
 
Die neue künstlerische Form in der Malerei, die zuerst in Frankreich aufgekommen war, war nicht nur für die Ausdrucksform des Naturalismus bahnbrechend gewesen, sondern in einer Weiterentwicklung leitete sich auch davon der "Impressionismus" her, die französischen Kunstschaffenden bezeichneten ihre Kunst sogar selbst als Impressionismus. 

 
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Von Monets Gemälde "Impression, soleil levant" leitet sich die Bezeichnung Impressionismus ab.

Der Impressionismus ist keine neue Geistesrichtung, sondern eine neue Form der künstlerischen Wiedergabe, die sich aus dem Naturalismus entwickelt hat. Lebenshaltung und weltanschauliche Grundlagen von Impressionismus und Naturalismus sind durchaus die gleichen, es ändert sich nur die Art des Ausdrucks.

Man war zu der Erkenntnis gelangt, dass es unmöglich sei, die Dinge so darzustellen, wie sie tatsächlich sind - man könne sie nur gestalten, wie sie einem selbst erscheinen - entsprechend dem Eindruck

 
Der Weg führte nun von dem fotografisch getreuen Abbild der Wirklichkeit, das der Naturalismus zu geben bestrebt war, zu einer der sinnlichen Wahrnehmung entsprechenden Darstellung. Damit ist der Impressionismus ich-gebundener, subjektiver als der Naturalismus, bei welchem die gestaltende Person ganz in den Hintergrund tritt und nur die objektiv geschaute Wirklichkeit im Mittelpunkt steht.

Genauso wie der Naturalismus ist auch der Impressionismus naturwissenschaftlich orientiert und folgt dem neuen Weltbild. Die genaueste Beobachtung der Wirklichkeit ist auch hier erstes Gebot. Diese Wirklichkeit bietet eine Vielfalt an optischen, akustischen und Stimmungsreizen, die mit den Sinnen aufgenommen werden. Für jede einzelne Person gibt es nur ihre Empfindungen, und so steht schließlich jeder impressionistisch denkende Mensch mit seinem Eindruck allein.

Alles weist auf sein Ich, dieses Ich ist aber nichts Absolutes, sondern es ist subjektiv. Zwangsläufig ergibt sich daraus eine gesteigerte Selbstbeobachtung, jede Seelenregung wird registriert.

Genauso wie die impressionistische Malerei nur Eindrücke wiedergibt, wobei der Gegenstand seine festen Umrisse verliert und sich in eine Unzahl von Farbflecken auflöst, so suchte auch der dichterische Impressionismus Gestalten und Vorgänge, Sichtbares, Hörbares und Fühlbares in kleinste Teile aufzulösen und so die Wirkung zu steigern.
  

Sprache der impressionistischen Lyrik

Diese ist gegenüber dem Naturalismus verfeinert, neue Wortbildungen werden geprägt, um den subjektiven Eindruck möglichst genau wiederzugeben. Feinhörig und feinfühlig werden die kleinsten Nuancen gezeichnet. Individualismus und Ästhetik herrschen im Gegensatz zur naturalistischen Lyrik vor, die größte Objektivität und Verleugnung der künstlerischen Persönlichkeit anstrebte und für Ästhetik nicht viel übrig hatte.

Häufige Stilmittel sind Lautmalerei und Synästhesie, es werden vor allem Substantive und Adjektive verwendet, aber kaum Verben.  

 

Der Impressionismus ist keine eigene Literaturströmung, sondern durchdringt alle Gegenbewegungen zum Naturalismus.  
  
 
 
Geistige Wegbereitende

Ernst Mach (1838 - 1916)

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Er legte in seiner Philosophie die erkenntnistheoretischen Grundlagen für den Impressionismus. Nach ihm gibt es keinen Unterschied zwischen Erscheinung und Ding an sich, das Ding ist eine bloße Summe von Empfindungsdaten. Auch ein allein bestehendes Ich erkennt er nicht an.

In seinen Hauptwerken "Die Analyse der Empfindungen" und "Erkenntnis und Irrtum" legte Mach seine Anschauungen nieder, er versucht die Vielheit der Empfindungen ebenso durch Gesetze in ein System zu bringen, wie dies die Naturwissenschaft auf ihrem Gebiete tut.
 
 
Sigmund Freud (1856 - 1939)
  
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Der jüdische Arzt und Begründer der "Psychoanalyse" konnte sich anfangs nur sehr schwer mit seinen Anschauungen durchsetzen. Später aber wurde seine Untersuchungsmethode trotz heftigster Anfeindungen in gewissen Kreisen anerkannt und schließlich sogar zur Weltanschauung. Seine Vorgehensweise zergliedert die geheimsten Seelenregungen, macht "Unbewusstes" wieder bewusst und will damit verschiedene Träume, Fehlhandlungen usw. erklären. 

Freud sieht Mythos, Märchen, Sage und auch den Traum als "Sublimierung" von Trieben an, die aus dem Unbewussten aufsteigen und sich in verschiedenen Verkleidungen zeigen. Verdrängte Triebe meist sexueller Art wirken - dem Menschen selbst nicht erfassbar - aus dem Unbewussten und führen oft zu seelischen Erkrankungen, zu Zwangshandlungen usw.

Im günstigsten Falle werden diese Triebe auf eine höhere Ebene gestellt und umgewandelt, "sublimiert", daraus entspringt alles künstlerische Schaffen und schließlich auch die Religion.

Freuds Lehren brachten einen Sturm der Entrüstung in der konservativen bürgerlichen Welt hervor, zerrten ungeschminkte Wahrheit ans Tageslicht und zerrissen manchen Schleier der Scheinheiligkeit und Ignoranz.

Besonders in Wien war der Einfluss Freuds sehr stark.

 

Impressionistische Lyrik
Wegen des Hervortretens der persönlichen Empfindung entsprach die lyrische Dichtungsform der Kunstanschauung des Impressionismus am meisten, man könnte den Impressionismus sogar als die vorwiegend lyrische Form des Naturalismus bezeichnen.

Die gefühlstiefe Lyrik fehlt dem Naturalismus gänzlich, alle Lyrikerinnen und Lyriker sind vom Impressionismus beeinflusst, mögen sie sich auch mehr einer anderen Richtung wie Symbolismus, Neuromantik oder Heimatkunst zugeneigt haben.

Dem Impressionismus können unter anderem folgende Schriftsteller zugerechnet werden, die zum Teil in anderen Theoriekapiteln noch näher behandelt werden: 
 
Deutschland
  • Detlev von Liliencron
  • Richard Dehmel
  • Gustav Falke
  • Thomas Mann
 
Österreich
  • Peter Altenberg
  • Arthur Schnitzler
  • Hermann Bahr
  • Stefan Zweig
  • Richard Schaukal
 
Quellen:
Mayer, Stephanie (2015): DEUTSCH. Literaturgeschichte 2, Dr. Roland GmbH, 8. Auflage, Wien
Schenk, I. (2015): DEUTSCH. Lehrbrief 27, Dr. Roland GmbH, 2. Auflage, Wien
Claude Monet: Impression, soleil levant (1872), online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AClaude_Monet%2C_Impression%2C_soleil_levant.jpg (1.6.2016)
Ernst Mach, aus: Zeitschrift für Physikalische Chemie, Band 40 (1902), online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AErnst_Mach_01.jpg (1.6.2016)
Max Halberstadt: Sigmund Freud, Fotographie (1922), online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ASigmund_Freud_LIFE.jpg (1.6.2016)