Theorie:

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Anton Wildgans (\(1881 - 1932\)) zählt zu den bedeutendsten Persönlichkeiten österreichischer Dichtung. Dem Expressionsmus gehört er nur teilweise an, weil sein Werk daneben auch starke impressionistische, symbolistische und naturalistische Züge aufweist.

Wildgans musste auf ausdrücklichen Wunsch des Vaters Jus studieren. Sein kranker Vater war jahrelang ans Bett gefesselt und schließlich vollkommen gelähmt. Um dem ungeliebten Studium zu entkommen, bereiste Wildgans als Begleiter eines jungen Mannes Europa, Afrika und kam bis nach Australien.

Die Krankheit des Vaters rief ihn an dessen Sterbebett zurück. Um der Stiefmutter nicht zur Last zu fallen, nahm er eine Staatsstellung als Richter an, widmete sich aber in seiner Freizeit dem literarischen Schaffen, um schließlich als freier Schriftsteller zu leben.

1921 - 1923 und 1930 - 1931 wurde der anerkannte Dichter zum Leiter des Wiener Burgtheaters berufen. 1932 starb er in Mödling bei Wien an Tuberkulose.

Die Jugenderlebnisse des Dichters spiegeln sich sehr nachdrücklich in seinen Werken, sei es die Krankheit des Vaters oder die Tätigkeit bei Gericht und der Einblick in das Elend der Menschen, den er dabei gewonnen hat. Wildgans ist als Lyriker, Epiker und Dramatiker gleich bedeutend, wenngleich die lyrische Begabung vielleicht die größte ist.
Lyrik
Die Gedichte sind meist Gedankenlyrik mit einem Klang herber Melancholie. Mit inniger Liebe hängt er an seiner Heimat und an der Geburtsstadt. In einigen Gedichten beklagt und rühmt er die Gefallenen des Ersten Weltkrieges. Als Richter hat er das soziale Elend der Großstadt eingehend kennengelernt und behandelt, besonders die Gedrückten und Elenden mit tiefem menschlichem Verständnis.

Alle Lyrik Wildgans' zeichnet sich durch eine besondere klangvolle Sprache und eine strenge Form aus, bemerkenswert ist der reichlich verwendete, klingende Reim. In der Lyrik ist Wildgans formal keineswegs als Expressionist anzusprechen, viel eher als Impressionist.
Dramen
Obwohl die Dramen des Dichters vor allem wegen ihres bedeutenden Stimmungsinhaltes und der treffenden Charakteristik der Personen auf der Bühne ihre Wirkung nie verfehlen, nehmen die lyrischen Stellen breiten Raum ein. Mystisch-symbolische Szenen und Akte werden in die Handlung eingeschoben oder schließen sie hymnisch ab.

Die Stoffe sind mit Ausnahme des biblischen Dramas "Kain" aus dem täglichen Leben der Menschen gegriffen und behandeln die kleinen und großen Tragödien, die sich im Zusammenleben von Ehegatten oder Eltern und Kindern entwickeln. Das beste und bekannteste Werk ist:

"Armut", ein Trauerspiel in 5 Akten

Der kleine Postbeamte Josef Spuller lebt mit seiner Familie seit Jahren in bedrängtesten Verhältnissen, wobei seine Frau Mathilde immer noch bemüht ist, den Schein des "Standesgemäßen" aufrechtzuerhalten. Es fehlt am Notwendigsten, und als der Vater, der keinen warmen Wintermantel besitzt, wochenlang an einem Lungenleiden darniederliegt, steigt die Not aufs höchste.

Die Mutter verkauft alles nicht unbedingt Notwendige, der vor dem Abitur stehende Sohn Gottfried versucht durch Nachhilfestunden ein wenig zu verdienen, und die Tochter Marie, die ohnehin ihr spärliches Einkommen als Kontoristin zu Gänze zu Hause hergibt, ist aus Liebe zu ihrem Vater bereit, ihre Mädchenehre dem Zimmerherrn zu verkaufen, um dem Vater eine Luftveränderung zu ermöglichen.

Aber bevor es noch dazu kommt, fällt das schicksalsschwere Wort des alten Militärarztes, der den Kranken kostenlos behandelt hat, daß keine Hoffnung mehr sei.

Im "Actus mysticus" naht der Tod in Gestalt des Amtsvorstehers und wird von Spuller als Erlöser empfunden; nur die Sorge um die materielle Not seiner Familie quält ihn. Er selbst aber ist ein Großer im Verzichten. Auf die verzweifelte Frage des Sohnes:

"Armut, Armut,
Was wer' ich durch dich?"

antwortet Spuller leise, überirdisch:

"Ein Bettler,
Wenn du nur danach brennst,
Was die anderen haben und sind -
Ein Mensch,
Wenn du leidend erkennst,
Daß andere immer noch ärmer sind -
Ein Dichter,
Wenn du die Herzen wirbst,
Die sonst für die Armut verhärtet sind -
Ein Heiland,
Wenn du für jene stirbst,
Die deine verstoßenen Brüder sind."

Als der Vater verschieden ist und die Familie durch die Kosten für eine "standesgemäße" Beerdigung in noch größere wirtschaftliche Not gerät, da klingen diese Worte des Vaters in Gottfried nach und lassen ihn die Höhe suchen. Mit einem mystischen "Miserere" die Stimmen aus der Tiefe klingt das Drama aus.

Die Handlung ist teils von erschütternder Naturalistik, teils von mystischer Hintergründigkeit. Die große Aussprache zwischen Vater und Sohn, bei der sie Erinnerungen an zwar in Armut verlebte, aber doch so schöne Tage austauschen, gehören zu dem Ergreifendsten, was Wildgans geschrieben hat.

Markant gezeichnet sind die einzelnen Gestalten:
  • Spuller hat im Laufe seines entbehrungsreichen Lebens verzichten gelernt und ist über das Irdisch-Materielle hinausgewachsen.
  • Gottfried lehnt sich bitter gegen die Armut auf, aber der Vater weist ihm den Weg nach oben.
  • Mathilde ist durch die Armut unglücklich, ungerecht und verbittert geworden, alle menschlichen Gefühle in ihr sind erstickt, und sie trachtet nur mehr, den Schein des Standesgemäßen aufrechtzuerhalten.
  • Marie, ein leidgeprüftes Mädchen, das sich trotz allem noch die Liebe im Herzen bewahrt hat, ist bereit, ihr Höchstes, ihre Mädchenehre, für die Genesung des Vaters zum Opfer zu bringen.
  • Auch die Nebenpersonen, wie der triebhafte Untermieter, der geschäftstüchtige Trödeljude u. a., sind mit wenigen Strichen scharf umrissen.
 
Wildgans zeichnet keine Individuen, sondern Typen und zeigt, in welcher Beziehung der Mensch zur Armut stehen kann und was diese aus ihm machen kann (siehe auch die oben zitierten Worte Spullers).
 
Weitere Dramen

Fast alle Dramen des Dichters erlebten ihre Uraufführung entweder am Wiener Burgtheater oder am Deutschen Volkstheater in Wien. Heute gehört nur mehr "Armut" zum Repertoire der deutschsprachigen Bühnen. Weitere Dramen sind:

"Liebe"
, eine Tragödie in 5 Akten

Die Problematik dieses Stückes ist die bereits kalt und leer gewordene Ehe zwischen Martin und Anna. Die beiden haben einander nichts mehr zu sagen, und jedes Begehren ist erloschen. In tiefster Enttäuschung darüber, daß Martin sogar auf den Hochzeitstag vergessen hat und fortgeht, ohne zu sagen wohin, lädt Anna seinen Freund zu sich.

Martin besucht inzwischen im "Actus symbolcus" den "Salon" der Madame Charlotte, vermag aber in der rein sexuellen Lust keine Erfüllung zu finden, im Gegenteil, der Kuß des leichten Mädchens Wera lässt ihn seine Schuld nur zu deutlich erkennen, und er kehrt zu seiner Frau zurück, die auch fast den Verlockungen der Leidenschaft erlegen wäre. Nun finden die beiden einander zu einer neuen, vergeistigten Gemeinschaft, und in hymnischer Weise erklingt das Drama aus, das tief in die Freuden und Leiden der Beziehung der Geschlechter zueinander greift.

"In Ewigkeit Amen", ein gerichtliches Vorspiel in einem Akt
Die naturalistische Darstellung einer Voruntersuchung um den Beschuldigten Anton Gschmeidler, der bereits in einer Strafanstalt gewesen ist, als entlassener Häftling allen Kontakt mit den Mitbürgern verloren hat und nun seine Zimmervermieterin Marie Dworschak schwer verletzt, da er den unbewussten Wunsch hat, wieder ins Gefängnis, in dem es ihm gut gegangen ist, zurückzukommen.

"Dies irae"
, eine Tragödie in 5 Akten
Das Stück behandelt wie Ibsens "Gespenster" die Folgen einer unglücklichen Ehe. Hubert, das ungewollte Kind, muss miterleben, wie sich seinetwegen seine Eltern miteinander zanken, bis er schließlich diesen ständigen Unfrieden nicht mehr ertragen kann und freiwillig aus dem Leben scheidet.
Epische Werke
Eine große Anzahl autobiographischer Skizzen und Fragmente gestatten einen guten Einblick in das Leben des Dichters, dazu gehört auch eine Reihe von Aufsätzen über seine Reiseerlebnisse: "Madeira", "Tanger", "Port Said", "Weihnachten in Colombo", "Australisches Reiseblatt".

Autobiographischen Charakter hat die Erzählung "Musik der Kindheit", ein Heimatbuch aus Wien

Außer einigen weniger bedeutenden Novellen und Erzählungen schrieb Wildgans ein umfangreiches bürgerliches Epos:

"Kirbisch oder Der Gendarm, die Schande und das Glück"
Dieses epische Gedicht zerfällt in drei Episoden mit insgesamt zwölf Gesängen und hält sich in Form und Ausdruck an die großen Vorbilder von Homer bis Goethe. Auch Wildgans verwendet das klassische Epenversmaß, nämlich den Hexameter.
  
  
Quellen:
Schenk, I. (2015): DEUTSCH. Lehrbrief 31, Dr. Roland GmbH, 2. Auflage, Wien
Anton Wildgans, online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AAnton_Wildgans_(1881%E2%80%931932)_1932.jpg (15.6.2016)