Theorie:

Neben der Dekadenzdichtung entwickelte sich in Deutschland eine Dichtung voll romantischer Schönheitsbegeisterung und starker Leidenschaft, ein kraftvoller und sinnenfroher Individualismus und Kulturoptimismus. Diese Strömung ist aus dem allgemeinen Aufschwung Deutschlands in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zu erklären.

Die Dichterinnen und Dichter dieser Bewegung wenden sich bewusst vom Naturalismus und seiner Technik der lebensechten Wiedergabe der Wirklichkeit ab. Sie verwerfen die breite Umweltschilderung und Hässlichkeitsdarstellung und legen allen Figuren ohne Rücksicht auf Stand und Bildung geistreiche und schöne Sprache in den Mund.

Die Kunst wird wieder um der Kunst willen gepflegt, sie wird tiefsinnig und gedankenschwer, sie will nur der Schönheit dienen, denn diese Schönheit wird zum Ziel des Daseins.
Gemeinsam ist dieser Strömung mit der Dekadenz die schöne Form und der musikalische Vers.

Die Dichterinnen und Dichter haben Sinn für Nuancen in der Stimmung und neigen zur Wahl feiner Stoffe (Gegensatz zum Naturalismus!). Ihnen ist Ästhetik wichtig; sie leben schon im zivilisierten Raum der Jahrhundertwende, der Großstadt.

Das Vorbild für diesen Schönheits- und Persönlichkeitskult waren vor allem die Ideen des Dichterphilosophen

 
Friedrich Nietzsche (1844 - 1900)
 
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Nietzsche zog besonders die Jugend seiner Zeit in seinen Bann. Er war ein Pfarrerssohn aus Röcken bei Lützen, genoss eine gründliche philologische Bildung und wurde 1869 mit nur 25 Jahren Universitätsprofessor in Basel.

Schon früh vertiefte er sich in Schopenhauers pessimistische Ideen, liebte Musik sehr, die seiner romantisch-schwärmenden Art entsprach, und kam in Berührung mit Richard Wagners Werken. Wagner wurde für ihn der Inbegriff des Genies, und aus seiner Wagnerbegeisterung heraus entstand das Erstlingswerk:

"Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik"
Nietzsche versucht hier die Tragödie der alten griechischen Meister und Wagners Musikdramen aus einem einheitlichen Geist zu sehen. Er schließt mit dem Blick auf ein neues, heroisches Zeitalter, das in Deutschland - entgegen dem Geist der Dekadenz - aufsteigen werde.
 
"Unzeitmäßige Betrachtungen"
Hier wendet sich Nietzsche gegen die "Bildungsphilister"; die Aufgabe des Lebens sei nicht die Besserung der Masse, sondern die Schaffung des Genies und seine Pflege. Somit wendet sich Nietzsche gegen die Gleichheitslehre des Sozialismus und stellt dem Herdenmenschen der Masse die Kraft und Fülle der Persönlichkeit, den Übermenschen, gegenüber. Einen solchen Übermenschen sieht er in Wagner.
 
Bruch mit Wagner
Nietzsches Schwärmerei für Wagner verkehrte sich schließlich in das Gegenteil, er greift den einstmals so Verehrten hart an, wirft ihm ein "Niedersinken vor dem Kreuz" im "Parsifal" vor.

Nach diesem Bruch mit Wagner vereinsamte Nietzsche völlig, aber auch Wagner hatte einen wertvollen Freund verloren. Neben vielen kleineren und größeren Dichtungen, oft philosophischen Inhalts, wurde von Nietzsches Werke am bekanntesten:
 
"Also sprach Zarathustra",
ein philosophisches Epos. Darin feiert er in begeisterten Hymnen die aufsteigende Entwicklung des Menschengeschlechts. Sein höchstes Ideal sieht er im Übermenschen, der noch nicht geboren ist und den es nur vier- oder fünfmal in einem Jahrtausend gibt. Es ist ein aristokratisches Prinzip, das Nietzsche lehrt, lebensbejahend, kräftig und mächtig steht der Übermensch jenseits von Gut und Böse.
 
Bedeutung
Die Anschauungen Nietzsches fanden begeisterte Anhänger und Anhängerinnen in allen Geistesrichtungen. Zwar wurde vieles missdeutet, so die Lehre vom Übermenschen, denn man stellte das Zukunftsideal eines Philosophen als eine Alltagserscheindung hin. Seine Philosophie wendete sich gegen die Sklavenmoral der Gegenwart, gegen die Vermassung, aber auch gegen das Hässliche.

Neuromantik und Neuklassik suchten ihr Ideal in der geistigen Auslese, der Expressionismus feierte den Ekstatiker Nietzsche, der Impressionismus das schwelgerische Auskosten der Stimmungen. Alle aber berauschten sich an der Schönheit seiner Worte, den begeisternden Symbolen, der vergeistigen und edlen Sprache.

1889 verfiel Nietzsche dem Wahnsinn und starb elf Jahre später in Weimar. 
 
 
Quellen:
Schenk, I. (2015): DEUTSCH. Lehrbrief 28, Dr. Roland GmbH, 2. Auflage, Wien
Gustav-Adolf Schultze: Friedrich Nietzsche, Fotographie (1882), online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ANietzsche1882.jpg (2.6.2016)