Theorie:

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Schnitzler war ein Wiener Arzt jüdischer Herkunft, ein Vertreter der feineren Dekadenz mit ihrer seelischen Müdigkeit. Seine Dichtungen sind geistreich und gefühlvoll, manchmal etwas rührselig, ironisch und melancholisch, verspielt und frivol, zuweilen unmoralisch. Hinter vielen steht deutlich merkbar der Einfluss Sigmund Freuds.

Die Lieblingsgestalten Schnitzlers sind reiche, feingebildete, leichtsinnige Lebemänner, Weltdamen und "süße Mädel". Leicht geknüpfte und leicht gelöste Liebesverhältnisse bilden oft die äußere Handlung. Das Leben erscheint ihm als ein törichtes Spiel, das ernst zu nehmen kaum der Mühe wert ist.

Neben erotischen Fragen interessieren ihn besonders psychologisch merkwürdige Fälle, absonderliche, nachtseitenhafte Seelenzustände. Mit vollem Recht lässt sich von seiner Dichtung behaupten, sie sei mit ihrer angewandten Seelenforschung von Anfang an Gefährtin seiner ärztlichen Interessen gewesen.

Schnitzler selbst trat sowohl als Dramatiker als auch als Epiker hervor, aber sein formales Talent vermochte größere Formen schlecht zu bewältigen, sein eigentliches Gebiet war die impressionistische Kleinmalerei.

Bedeutung
Schnitzlers Bedeutung liegt vor allem in der Erfassung seelischer Probleme, die vordem als ungreifbar galten, und in der Feinheit der Zergliederung seelischer Vorgänge. Auch eine neue Technik, besonders in der Gesprächskunst, wurde von ihm geprägt. Schnitzler ist einer der im Ausland am meisten gelesenen und aufgeführten, deutschsprachigen Autorinnen und Autoren - daher auch oft die unrichtige Vorstellung im Ausland von den Wienerinnen und Wienern und den "süßen Mädeln aus Wien".
Bühnenwerke
Schnitzler schuf nach dem Vorbild des französischen das Wiener Gesellschaftsstück: leicht plaudernd fließt der Dialog dahin. Starke Stimmungselemente und der leichte Konversationston bilden die Stärke seiner dramatischen Dichtungen.

"Anatol"
Sieben Szenen aus dem Liebesleben eines Wiener Lebemanns zeigen eine feine Seelenmalerei, besonders der Frauen. Die Problematik dieser zyklisch aneinandergereihten Episoden ist ohne menschliche Bedeutsamkeit, Luxusanliegen eines eitlen, egozentrischen Nichtstuers, dem seine erotischen Abenteuer der Inbegriff dessen sind, was im Leben wichtig ist.
 
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Szene aus Anatol: Anatol verabschiedet sich von Gabriele

"Liebelei", Schauspiel
Fritz, ein Student, hat ein Verhältnis mit einer koketten verheirateten Frau. Sein Freund will ihn durch eine leichte, gefällige Liebschaft mit Christine von seiner Leidenschaft ablenken, aber Christine liebt Fritz. Es kommt zum Duell zwischen Fritz und dem Gatten der Frau, Fritz fällt. Aus Schmerz über die Erkenntnis, dass seine Liebe nur eine Liebelei gewesen ist, tötet sich das Mädchen.

Die Tragik in diesem Stück liegt in dem ungleichen inneren Anteil zweier Menschen an einem Liebesbündnis: für Christine ist die Liebe zu Fritz der Inhalt ihres Lebens, für ihn eine Episode, eine kleine Liebelei. Schnitzlers Stärke bei diesem Werke, das sein bekanntestes wurde, ist besonders die unaufdringliche, lebenstreue Umweltschilderung, seine feine Schattierung in der Schilderung flüchtiger Augenblickserlebnisse und die Stimmungskunst, mit der er die Atmosphäre Wiens einzufangen wusste.

"Der grüne Kakadu", Einakter
Ein geschäftstüchtiger Wirt einer Pariser Spelunke imitiert mit einer Schauspieltruppe eine Kneipe verbrecherischer Gestalten. Damit lockt er zahlreich vornehmes Publikum an. Eines Abends spielt der Star dieses Ensembles einen Mörder aus Eifersucht, der in das Lokal stürzt und erzählt, er habe seine Frau mit dem Herzog von Cadignan ertappt und diesen getötet.

Die Anwesenden nehmen diesen Mord für Wirklichkeit, denn sie wissen das, was der Schauspieler nicht weiß: dass seine Frau tatsächlich die Geliebte des Herzogs ist. Nun setzt die grauenvolle Wirklichkeit ein, die dem ahnungslosen Schauspieler verrät, dass seine Erfindung gar keine ist.
  
"Reigen", eine dramatische Dialogfolge, ist das Äußerste an Prickelnd-Erotischem, ein "melancholischer Zynismus vom Kreislauf der sexuellen Beziehungen".
Erzählende Dichtung
Die fein gezeichnete Prosaerzählung entspricht der Eigenart Schnitzlers am besten und zeigt seine Stärken in der Darstellung seelischer Impressionen bis in die feinsten Nuancen.

"Sterben" 
Diese Novelle schildert das letzte Jahre eines Lungenkranken. Seine Geliebte, die zuerst entschlossen war, mit ihm zu sterben, löst sich von ihm und folgt dem Gesetz des Lebens.

"Der Weg ins Freie"
Schnitzlers erzählendes Hauptwerk, ein umfangreicher Episodenkomplex um eine ganz einfache Haupthandlung, der sich mit aktuellen politischen Problemen, vor allem mit der Judenfrage, befasst, die Schnitzler durchaus objektiv behandelt.

"Leutnant Gustl"
Ein Meisterwerk impressionistischer Technik, man könnte fast von einem novellistischen Monodrama sprechen, das die Problematik des soldatischen Ehrbegriffes behandelt: Ein junger, wenig bedeutender Offizier ist von einem Zivilisten in beleidigender Art zurechtgewiesen worden. Der konventionelle Ehrbegriff verlangt von ihm, entweder den anderen zum Duell zu fordern oder, da er das nicht getan hat, sich selbst zu erschießen.
 
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Cover der ersten Ausgabe von "Lieutenant Gustl"

Zur Verdeutlichung von Schnitzlers Stil eine Textprobe aus "Leutnant Gustl":

"Orgel - Gesang - hm! - was ist denn das? - Mir ist ganz schwindlig. .. O Gott, o Gott, o Gott! ich möcht' einen Menschen haben, mit dem ich ein Wort reden könnt' vorher! - Das wär' so was - zur Beicht' geh'n! Der möcht' Augen machen, der Pfaff', wenn ich zum Schluß sagen möcht': Habe die Ehre, Hochwürden; jetzt geh' ich mich umbringen! ... - Am liebsten läg' ich da auf dem Steinboden und tät' heulen ... Ah nein, das darf man nicht tun! Aber weinen tut manchmal so gut ... Setzen wir uns einen Moment - aber nicht wieder einschlafen wie im Prater! ... - Die Leut', die eine Religion haben, sind doch besser dran ... Na, jetzt fangen mir gar die Händ' zu zittern an! ... Wenn's so weitergeht, werd' ich mir selber auf die Letzt' so ekel- haft, daß ich mich vor lauter Schand' umbring'! - Das alte Weib da- um was betet denn die noch? ... Wär' eine Idee, wenn ich ihr sagen möcht': Sie, schließen Sie mich auch ein ... ich hab' das nicht ordentlich gelernt, wie man das macht ... Ha! mir scheint, das Sterben macht blöd'! - Aufsteh'n! - Woran erinnert mich denn nur die Melodie? - Heiliger Himmel! gestern abend! - Fort, fort! das halt' ich gar nicht aus! ... Pst! keinen solchen Lärm, nicht mit dem Säbel schleppern - die Leut' nicht in der Andacht stören - so! - doch besser im Freien ... Licht ... Ah, es kommt immer näher - wenn es lieber schon vorbei wär'!"
 
Quellen:
Schenk, I. (2015): DEUTSCH. Lehrbrief 27, Dr. Roland GmbH, 2. Auflage, Wien
Ferdinand Schmutzer: Arthur Schnitzler, Fotographie (ca. 1912), online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AArthur_Schnitzler_1912.jpg (2.6.2016)
Moritz Coschell: Anatol verabschiedet sich von Gabriere. Weihnachtseinkäufe, Bleistiftzeichnung (1899), online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AMoritz-Coschell%2C-Anatol-verabschiedet-sich-von-Gabriele%2C-Weihnachtseink%C3%A4ufe-(1899).jpg 
Moritz Coschell: Cover der ersten Ausgabe von Leutnant Gustl (1901), online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AArthur_Schnitzler_Lieutenant_Gustl_(1901).jpg