Theorie:

Politische, wirtschaftliche und soziale Hintergründe
Die literarische Gattung des Naturalismus (1885 – 1892) entstand auf dem Nährboden gewaltiger Umwälzungen auf sämtlichen Lebensgebieten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Politik
Das Volk agierte immer selbstbewusster und konnte durch Verfassungskämpfe zunehmend Mitspracherecht in Regierungsangelegenheiten erringen. Dadurch trat die absolute Macht der Herrscher immer mehr in den Hintergrund. Verschiedene politische Parteien vertraten die konfessionellen, sozialen, nationalen oder sonstigen Interessen ihrer Angehörigen und bekämpften einander mit wechselndem Erfolg.
Wirtschaft und Technik
Die Wirtschaft zu dieser Zeit war geprägt von diversen Umwälzungen: Handel und Industrie nahmen zu, die Macht des Geldes wurde größer, immer mehr Trusts und Großkonzerne entstanden. Der Fabriksbetrieb der neuen großen Industriestandorte drängte die Handarbeit zurück, gleichzeitig nahm die Landflucht Richtung großer Städte und Ballungszentren zu.
 
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Industriebetrieb um 1847
 
Die stille Beschaulichkeit vergangener Jahrzehnte wich einer nervösen Hast, „Zeit ist Geld" wurde zum Schlagwort. Durch die wachsende Technisierung konnten große Entfernungen in kürzester Zeit überbrückt werden, wodurch sich der wirtschaftliche Aktionsradius stark erweiterte. Die Zeit wurde geprägt durch Erfindungen wie die Eisenbahn, den Telegraf oder die Elektrizität. 
Soziale Schichtung
Die Kluft zwischen Arm und Reich wurde immer größer, Kapitalisten und Proletariat standen einander in erbitterter Feindschaft gegenüber – dies begründete den Klassenhass.
Die arbeitende Masse begann sich zu organisieren. Karl Marx und Friedrich Engels wurden mit dem "kommunistischen Manifest" zu den geistigen Führern dieser Bewegung. Dichter wie Emile Zola setzten sich für die Rechte der Arbeiter ein.
  
In Gewerkschaften zusammengeschlossen kämpfte das Proletariat mit Nachdruck um eine soziale Besserstellung: man verlangte entsprechenden Lohn, geregelte Arbeitszeit, Unfall- und Krankenschutz, Altersversorgung und Wahlreformen.
 
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Minenarbeiter
 
Daneben machte sich überall ein demokratisierender Zug bemerkbar. Die Standesunterschiede, ausgedrückt in Bildung, Sitte und Kleidung, begannen zu verwischen.
Durch die fortschreitende Emanzipation prägten auch Frauen als Arbeiterinnen, an Hochschulen und schließlich auch in Wirtschaft und Politik das Gesellschaftsleben mit.   
Presse
Eine der wichtigsten Zeiterscheinungen war die wachsende Macht der Zeitungen. Einzelne Persönlichkeiten und Personengruppen bedienten sich der Presse, um ihren Einfluss zu erweitern. Auf kapitalistischer Grundlage aufgebaut, diente diese den Interessen ihrer Gründer und Geldgeber.
Zusammenfassung
Kampf auf allen Lebensgebieten war zum Schlagwort geworden, jeder Einzelne musste sich behaupten, gleichgültig ob auf politischem, sozialem oder kulturellem Gebiet. Da aber der Individualismus immer mehr zurücktrat und die Vermassung ein Wesensmerkmal der Zeit bildete, schlossen sich die Menschen zu Interessensgemeinschaften in politischen Parteien, Verbänden, Gewerkschaften usw. zusammen. Nützlichkeit wurde zum ersten Gebot, für romantische Beschaulichkeit hatte niemand mehr Interesse und Muße.
 
Quellen:
Schenk, I. (2015): DEUTSCH. Lehrbrief 26, Dr. Roland GmbH, 2. Auflage, Wien
Karl Eduard Biermann: Borsig's Maschinenbau-Anstalt zu Berlin. Online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Borsig_1847.jpg (26.4.2016)
https://pixabay.com/de/minenarbeiter-arbeiter-bergmann-67742/ (26.4.2016)