Theorie:

Der Begriff "Entwicklungsland" lässt sich am besten über jene Eigenschaften definieren, die vielen Entwicklungsländern gemeinsam sind:
  • Die meisten Entwicklungsländer befinden sich auf der südlichen Hemisphäre; daher stammt der Begriff des Nord-Süd-Gefälles (reicher Norden - armer Süden).
  • Es handelt sich überwiegend um tropische und subtropische Gebiete.
  • Sie standen bis ins 20. Jahrhundert unter kolonialer Herrschaft und sie dienten vor allem als Rohstofflieferanten.
  • Sie sind gekennzeichnet durch ein hohes Bevölkerungswachstum: verbesserte medizinische und hygienische Maßnahmen führten zu einem Sinken der Sterbziffern und zu einer Erhöhung der Lebenserwartung; die Geburtenziffern bleiben gleich hoch (Kinder "dienen" als Altersvorsorge und zur wirtschaftlichen Unterstützung); die Industrie kann aber für die wachsende Bevölkerung nicht genügend Arbeitsplätze bieten.
  • Schlechte Lebensbedingungen führen zu Landflucht - in den Städten kommt es zu Slumbildung.
  • Es herrschen große soziale Unterschiede: eine kleine reiche Oberschicht steht einer großen arme Unterschicht gegenüber.
  • Es herrscht eine wirtschaftliche Dominanz der Großgrundbesitzenden durch den Rentenkapitalismus: Die Pächterinnen und Pächter und Kleinbäurinnen und -bauern sind abhängig von den Großgrundbesitzenden, denn sie benötigen Saatgut, Arbeitsgeräte, Boden, Wasser und müssen dafür Abgaben (ein Fünftel der Ernte in Naturalien oder Geld) leisten. Die Pächterinnen und Pächter tragen das gesamte Produktionsrisiko. Missernten führen zu Verschuldung, sie werden durch die Notwendigkeit, Kredite aufzunehmen, finanziell von den Großgrundbesitzenden abhängig. Die Pächterinnen und Pächter arbeiten mit veralteten Methoden (Hackbau), die Grundbesitzerinnen und -besitzer hingegen verwenden ihre Gewinne kaum für Investitionen (neue Maschinen), sondern kaufen mehr Land. Dieses Ausbeutungssystem zwingt die Bäuerinnen und Bauern zur Flucht in die Stadt.
  • Es gibt eine einseitige Wirtschafts- und Berufsstruktur: mehr als 70 % der Bevölkerung sind in der Landwirtschaft tätig.
  • Das Pro-Kopf-Einkommen ist vergleichsweise niedrig.
  • Es gibt nur wenig Industrialisierung und eine veraltete Infrastruktur.
  • Der Analphabetismus ist sehr hoch (über 70 %).
  • Die politischen Verhältnisse sind überwiegend labil. Häufig sind es
    Diktaturen oder autoritäre Regierungen, die einen Großteil der Einnahmen für Rüstung ausgeben.
 
 
Nord-Süd
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Abb. 1: Entwicklungsländer werden häufig geographisch verortet.
  
  
Der Ausdruck "Nord-Süd" wird zunehmend auch von Entwicklungsländern selbst benutzt. Diese Bezeichnung ist weitgehend wertfrei, da sie eine geographische Lage ausdrückt, auch wenn Entwicklungsländer nicht zwangsläufig auf der südlichen Halbkugel liegen. Gleiches gilt im umgekehrten Sinne auch für den Begriff "Norden". Der Begriff "Westen" als Synonym für reiche Staaten ist geographisch ebenso ungenau - außerdem ist er Relikt der Zeit des Kalten Krieges.
  
Strukturelle Probleme und ihre Ursachen
 
Charakteristisch für Entwicklungsländer ist die oft unzureichende Fähigkeit, die eigene Bevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen zu versorgen und ihr damit ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.

Strukturelle Probleme müssen aber nicht zwangsläufig politischer Natur sein, sondern können auch in anderen Bereichen bestehen (Wirtschaft, Gesellschaft, Umwelt etc.). So führt die Unterversorgung der Bevölkerung zu Armut, Hunger und dadurch zu geringer Produktivität. Dies hat eine noch schlechtere Versorgungslage zur Folge.

Ein anderes strukturelles Problem ist die Diskriminierung von Frauen, was mittlerweile vermehrt als grundlegende Ursache der Probleme der Entwicklungsländer erkannt wurde.

Ebenso gravierend kann sich schnelles Bevölkerungswachstum auf bereits vorhandene Entwicklungsprobleme auswirken. Die Folgen sind: in Städten Slumbildung und Arbeitslosigkeit, im ländlichen Raum Ernährungsprobleme und unangemessene Landnutzung (einhergehend mit schweren ökologischen Schäden).
  
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Abb. 2: Schnelles Bevölkerungswachstum führt in den Städten zu Slumbildung.
  
  
 
 
Quellen:
Roland, M. (Hrsg.): GEOGRAPHIE. Lehrbrief 10, Dr. Roland GmbH, Auflage 3/2016, Wien
https://pixabay.com/de/globus-welt-erde-planeten-erdkugel-1290377/ (10.10.2016)
https://pixabay.com/de/brasilianischer-realität-brazilien-641231/ (10.10.2016)