Theorie:

Die Stadtentwicklung im Orient (unter Orient versteht man die Länder islamischer Kultur in Vorderasien und Nordafrika) hing mit der straff organisierten Agrargesellschaft in Bewässerungsoasen zusammen. Der heutige Sprachgebrauch tendiert dazu, den Begriff auf den Nahen Osten und die arabisch-islamische Welt – einschließlich Türkei, Iran, Afghanistan und Nordafrika, aber ohne die islamischen Staaten Süd- und Südostasiens – zu beziehen.
 
Abhängigkeit vom Wasser und das Bedürfnis nach Schutz vor nomadischen Nachbarvölkern gaben nämlich der Ummauerung eine besondere Bedeutung. Die orientalische Stadt wurde dadurch ein deutlich abgesonderter Raum, dessen Bevölkerung sich auch oft ethnisch und sprachlich von der Umgebung abhob.
 
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Abb. 1: Das Zentrum der jemenitischen Hauptstadt Sanaa - geprägt durch ihre engen Gassen und Moscheen
 
Das Hauptkennzeichen jeder orientalischen Stadt ist der Basar. Unter einem Basar versteht man Geschäfts- und Gewerbestraßen bzw. -viertel in orientalischen Städten, die meistens in der Nähe der Hauptmoschee liegen.
Der Basar ist aber nicht nur der wichtigste Handelsplatz der orientalischen Stadt, sondern darüber hinaus gesellschaftlicher und politischer Treffpunkt im Zentrum der Stadt. Seine politische Bedeutung lässt sich daran ermessen, dass Unruhen und politische Umstürze oft von der im Basar vorherrschenden Mittelschicht der Handeltreibenden und Kaufleute ausgegangen sind. Der Basar besteht aus einem dichten Netzwerk enger Straßen und Wege. Besonders typisch ist, dass Betriebe und Geschäfte der gleichen Branche in einem bestimmten Teil des Basars konzentriert sind. Oft besitzt sogar jedes Handwerk und Gewerbe seine eigene Straße.
Bücher, Papiere und Schreibmaterial sowie Parfüm- und Kosmetikartikel, also Luxuswaren, werden in der Regel in der Nähe der Hauptmoschee verkauft, ebenso die Handwerkserzeugnisse der Gold- und Silberschmieden.

 
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Abb. 2: Der große Basar in Istanbul ist vor allem eine Tourismusattraktion
 
Außer der Moschee, den Bade- und Teestuben gibt es neben den Gassen größere Höfe zur Gewerbeausübung und als Lagerflächen. Größere Höfe am Rande dienten früher dem Zusammenstellen und Abladen der Karawanen. Heute, im Zeitalter des LKW-Transports, sind sie ebenfalls zu Lagerflächen oder aber zu Slumquartieren geworden.
 
Doch auch noch in anderer Hinsicht veränderte sich der Basar:
  • Der Basar hört immer mehr auf, einziges Geschäftszentrum der orientalischen Stadt zu sein. Neue Zentren bilden sich in den neustädtischen Bereichen, insbesondere Einzelhandelsgeschäfte für den gehobenen Bedarf ziehen aus dem Basarviertel aus.
  • Die Anzahl der Werkstätten verringert sich ständig, die Einzelanfertigung wird zunehmend durch maschinelle Massenfertigung ersetzt, Produkte werden daher viel billiger. Die Handwerkenden werden dadurch allmählich zu Industriearbeitenden.
  • Da die Basargassen viel zu eng für Lastwagen sind, kommt das An- und Abtransportieren im Basar wesentlich teurer als bei den Lagerhallen außerhalb der Altstadtbezirke. Dadurch wandern viele Zweige des Großhandels aus dem Basar ab, der Umsatz im Handel sinkt, dringend notwendige Renovierungen müssen unterbleiben. Die Folge: Der Basar verfällt.
  • Einzig der Tourismus schien den Bestand des Basars zu garantieren. Für die einheimische Bevölkerung hatte dies aber höhere Preise zur Folge.
 
Viele Einheimische erledigen ihre Einkäufe daher zunehmend nicht mehr im Basar, sondern in den Lagerhallen außerhalb des Stadtzentrums. Neben dem Basar gibt es meist noch einige weitere typische Strukturmerkmale einer orientalischen Stadt, die als Erbe des Mittelalters bestehen blieben:
  • Eine Zitadelle (Befestigungsanlage) mit Stadtmauer und befestigten Toranlagen
  • Ein städtischer Komplex mit öffentlichen Einrichtungen, Moscheen und dem Basar.
  • Wohnviertel mit engen Sackgassen und Innenhofgebäuden, in denen Angehörige gleicher sozialer, ethnischer oder religiöser Gruppen leben
  • Ausgedehnte Gräberfelder vor der alten Stadtmauer
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Abb. 3: Die Zitadelle der irakischen Stadt Erbil thront über der Stadt

Quellen:
Abb. 1: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d8/Old_sanaa.jpg (04.07.2016)
Abb. 2: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gran_Basar.JPG (04.07.2016)
Abb. 3: https://de.wikipedia.org/wiki/Zitadelle_von_Erbil#/media/File:Hawler_Castle.jpg (04.07.2016)