Theorie:

Obwohl alle Städte eine ganze Palette gemeinsamer Merkmale aufweisen, gibt es zwischen den einzelnen Städten doch auch wesentliche Unterschiede - je nach Kultur und Wirtschaftsform. In diesem und in den folgenden Theorieblöcken werden die europäische, die nordamerikanische und die Stadt in den Entwicklungsländern näher betrachtet.
 
Die europäische Stadt
Die meisten europäischen Städte entstanden als mittelalterliche Gründungen, manchmal auf römischen Vorsiedlungen. Wirtschaftliche und politische Gründe waren zumeist der Anlass für ihre Entstehung - sie erlangten nämlich entweder als Markt- oder Handelsplätze in verkehrsgünstiger Lage oder als Machtzentren an gut zu sichernden Stellen ihre Bedeutung.
Gegen Ende des Mittelalters gingen die Stadtgründungen zurück, womit die Erschließung des Landes vorläufig abgeschlossen war.
 
Erst im 19. Jahrhundert nahmen die Stadtgründungen wieder zu, um an der Wende zum 20. Jahrhundert mit den Industriestädten einen neuen Höhepunkt zu erreichen. Diese wurden meist an Standorten mit besonderer Verkehrsgunst oder in der Nähe der Rohstoffe angelegt. Das große Wachstum der Städte setzte mit der Industrialisierung ein. Die Ummauerung der Stadt fiel, da die Mauern aufgrund der geänderten Wehrtechnik keinen Wert für die militärische Verteidigung mehr besaßen. Die Siedlungsfläche konnte sich nun ausdehnen.
 
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Abb. 1: Mit dem Bau der Wiener Ringstraße wurde die Stadtmauer (grau) geschliffen
 
In dieser Gründungszeit (1870-1918) kam es zum planmäßigen Ausbau von Wohnvierteln, neben den Arbeitervierteln entstanden große Villenviertel. Gegen diesen dichten Ausbau richtete sich allerdings in der Zwischenkriegszeit die Gartenstadtbewegung- es entstanden durchgrünte Siedlungen, ausgedehnte Kleingartenanlagen oder streng durchgeplante soziale Wohnanlagen der Stadtgemeinden (z.B. Gemeindebauten - in Wien am bekanntesten ist der Karl-Marx-Hof im 19. Bezirk).
 
Nach dem 2. Weltkrieg uferten die Städte nach einer Wiederaufbauphase erneut aus. Der wirtschaftliche Aufschwung erhöhte nämlich die Ansprüche an Größe und Ausstattung der Wohnung. Außerdem ermöglichte die rasante Entwicklung des Individualverkehrs eine größere räumliche Trennung von Wohnung und Arbeitsplatz.
Unvermeidliche Folge war die großflächige Zersiedlung des Stadtumlandes. Großwohnanlagen oder Einzelhaussiedlungen bestimmen seither das Bild der Randbezirke.
  
Die funktionale Gliederung der europäischen Stadt
In praktisch allen europäischen Städten gibt es hinsichtlich ihrer Funktion eine grundsätzliche Gliederung in vier Stadtteile: City, citynahe Wohn- und Gewerbeviertel, Außenzone der Städte und Stadt-Umland.
 
Die City bildet den Stadtkern, also die eigentliche Innenstadt. Die wichtigsten Merkmale der City sind:
  • Aufgrund der hohen Grundstückpreise sind die Gebäude überdurchschnittlich hoch
  • Im Erdgeschoß überwiegen geschlossene Geschäftsfronten
  • Geschäftszonen und Fußgängerzonen prägen das Bild der City
  • Auffällig ist die Dominanz der Dienstleistungsbetriebe
  • Die Wohnfunktion tritt stark in den Hintergrund. Der Anteil der Nachtbevölkerung ist daher sehr gering, es überwiegt bei weitem die Tagesbevölkerung
  • Da die in der City Beschäftigten in der Regel täglich von den Außenzonen der Städte in die City pendeln müssen, kommt es zu starkem Verkehrsaufkommen, insbesondere zu den Öffnungs- und Schlusszeiten der Geschäfte und Büros.
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Abb. 2: Der Wiener Graben - als Fußgängerzone mit vielen Geschäften typisch für die City
 
Die citynahen Wohn- und Gewerbeviertel liegen wie ein Kranz um die Innenstadt. Diese Viertel sind Erweiterungen des 19. Jahrhunderts. Sie entstanden im Zuge der Industrialisierung und der damit zusammenhängenden Landflucht. Die wichtigsten Merkmale der citynahen Wohn- und Gewerbeviertel sind:
  • Einförmige Mietshausbebauung mit überalteter Bausubstanz, unzureichender sanitärer Ausstattung und räumlicher Beengtheit
  • Starke Durchsetzung mit Gewerbebetrieben
  • Überalterung der Wohnbevölkerung durch die Abwanderung junger Familien an den Stadtrand.
Die Außenzone der europäischen Städte ist charakterisiert durch die aufgelockerte Bebauung mit Grünflächen oder unverbauten Parzellen. Hier liegen die flächenaufwändigen Einrichtungen der Einkaufszentren, Sportanlagen, Flughäfen, Reihen- und Einzelhäuser, Kleingärten aber auch Industrieanlagen.
 
Das Stadt-Umland gehört genau genommen nicht mehr zur Stadt. Es ist aber durch viele soziale und wirtschaftliche Beziehungen mit dieser eng verknüpft. So pendeln beispielsweise von hier viele Werktätige täglich Richtung City. Das Stadt-Umland weist daher eine geringe Tages- aber eine hohe Nachtbevölkerung auf. Man bezeichnet diese Ortschaften in der unmittelbaren Umgebung daher oft als "Schlafstädte".
 
Die Probleme der europäischen Stadt
Seit Beginn der 1970er Jahre lässt sich eine zunehmende Abwanderung aus den Kerngebieten der Städte in das Stadt-Umland feststellen. Die Ursachen für diese Stadtflucht liegen vor allem in der sinkenden Lebensqualität in den innerstädtischen Bereichen, im Einzelnen:
  • die überalterte Bausubstanz in den innerstädtischen Bereichen
  • die Umweltbelastung in den städtischen Zentren
  • die Miet- und Grundpreiserhöhungen im innerstädtischen Bereich
  • der Mangel an Natur
  • die Kinderfeindlichkeit unserer Städte
Durch die Abwanderung kommt es zu empfindlichen Verlusten im Steueraufkommen, da vor allem die besser Verdienenden die Städte zu meiden beginnen. Gerade dieser Steuerverlust macht es den Städten schwer, ihre Attraktivität zu verbessern. Allerdings ziehen auch manche Wohlhabende zuletzt wieder ins Zentrum zurück.
Darüber hinaus leidet unter der Abwanderung dieser jungen, dynamsichen Bevölkerungsgruppen der Einzelhandel, der nun mit Einkommensrückgängen konfrontiert wird. Vor allem aber kommt es zu einer Erhöhung des Verkehrsaufkommens, da die Abgewanderten nun täglich zu ihren Arbeitsplätzen in den Städten zurückpendeln müssen.
 
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Abb. 3: Staus sind oft die Folge eines erhöhten Verkehrsaufkommens durch pendelnde Bevölkerungsteile
  
Folgen der Stadtflucht für die Stadt-Umland-Gemeinden
Zum einen wird die Sozialstruktur im Stadt-Umland vollkommen verändert, da die Pendelnden, die ja hauptsächlich nur abends zuhause sind, kaum in das Sozialleben integriert sind. Zum anderen führt der Bau meist freistehender Einfamilienhäuser zu einer Zersiedlung. Diese Zersiedlung bringt dem Umland jedoch schwere finanzielle Belastungen, da die technische Infrastruktur (Ver- und Entsorgung, Verkehrseinrichtungen etc.) oft erst ausgebaut werden muss.
 
Quellen:
Abb. 1: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/dc/Wien_Stadtbefestigung_Degen_1809-2015_Gugerell.jpg (01.07.2016)
Abb. 2: https://c2.staticflickr.com/6/5079/14216655825_6884dcd193_b.jpg (01.07.2016)
Abb. 3: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/2b/Autobahn_A8_bei_Holzkirchen.JPG (01.07.2016)