Theorie:

Anzengruber: Dramatische Dichtungen
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1. BAUERNDRAMEN
"Der Pfarrer von Kirchfeld"
Ort und Zeit: Österreichische Gebirgsgegend, 19. Jahrhundert
Art: Volksstück mit Gesang in 4 Akten
  
Der Held dieses Volksstückes ist der freiheitlich denkende Pfarrer Hell, in dessen Dienst die junge Anna Birkmaier tritt. Es entspinnt sich zwischen beiden ein vertrautes, aber nicht sträfliches Verhältnis.

Hell schenkt ihr ein goldenes Kreuz seiner Mutter. Das sieht der Wurzelsepp, ein an Gott und Menschheit verzweifelnder Mann, weil man ihm einst die Ehe mit einer Andersgläubigen verboten und so sein Leben freudlos gemacht hat. Er lebt seither von den Menschen zurückgezogen und spinnt sich in seine eigene Philosophie ein.

Nun erzählt er den Vorfall mit Anna in schlimmster Fassung den Leuten. Anna liebt aber den Bauernburschen Michl, und der Pfarrer muss schließlich nach heftigem inneren Kampf die Trauung der beiden vollziehen.

Als die Mutter des Wurzelsepp Selbstmord verübt und Hell sie trotzdem christlich beerdigen will, wird der Wurzelsepp von seiner Menschenverachtung geheilt. Unterdessen haben jedoch seine Gegner in der Gemeinde den Pfarrer wegen Freigeisterei angeklagt, und er wird abgesetzt.

Motiv: Kampf der selbstverantwortlichen Entscheidung gegen die starre Buchstabengläubigkeit.

Dieses Stück erschien unter dem Decknamen L. Gruber mit großem Erfolg im Theater an der Wien (\(1870\)). Es wurde epochemachend in der Theatergeschichte, da mit diesem Volksstück das Bauerndrama geboren wurde und der Bauer als Gleichberechtigter neben den Bürgern auf die Bühne trat.

 

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"Der Pfarrer von Kirchfeld" wurde im Theater an der Wien mit großem Erfolg uraufgeführt

 

"Der Meineidbauer"
Ort und Zeit: Österreichisches Gebirge, Anfang des 19. Jahrhunderts
Art: Volksstück mit Gesang in 3 Akten
 
Matthias Ferner, der reichste und mächtigste Bauer von Ottenschlag und Umgebung (Oberösterreich), hat nach dem Tode seines älteren Bruders Jakob durch Erbschleicherei den stattlichen Kreuzweghof an sich gebracht. Er hat dabei das Testament des Bruders, durch das die beiden unehelichen Kinder Jakob und Vroni zu rechtmäßigen Erben bestimmt wurden, vernichtet und vor Gericht geschworen, dass kein Testament vorhanden sei.

Als gesetzlicher Erbe jagt er die beiden Kinder und ihre Mutter vom Hofe. Jakob kommt nach dem Tode seiner Mutter ganz herunter, und Vroni tritt in Dienst beim Adamshofbauern, dessen einziger Sohn und Erbe, Toni, ihr die Ehe verspricht. Er soll jedoch Creszenz, die Tochter des Kreuzweghofbauern heiraten.

Als Vroni dies erfährt, kündigt sie. Da erhält sie von ihrem sterbenden Bruder ein Gebetbuch des Vaters, das einen Brief enthält, worin das Vorhandensein des Testamentes einwandfrei erwiesen wird. Mit diesem Beweismittel tritt Vroni vor Matthias Ferner, dem kurz zuvor sein eigener Sohn Franz, der als Knabe zugegen war, als sein Vater das Testament vernichtete, schwere Vorwürfe gemacht hatte.

Den Bauern, der bisher im Wahne lebte, durch äußerliche Frömmigkeit sein Seelenheil retten zu können, erfasst Angst und Wut, als Vroni mit ihm rücksichtslos abrechnet und Franz ihn zu aufrichtiger Reue mahnt. In seiner Verzweiflung will er das verhängnisvolle Beweisstück mit Gewalt in seine Hände bekommen. Da Vroni in ihrer Todesangst Franz als den gegenwärtigen Besitzer des Briefes bezeichnet, eilt er seinem Sohn nach und schießt auf ihn.

Damit ist das Maß seiner Verbrechen voll. Er flüchtet, von Gewissensbissen gepeinigt, überall dräuende Gespenster sehend, in die einsame Behausung der Baumahm, die ihm das Treiben und Ende eines Meineidigen erzählt. Die Parallele mit seinem Leben erschüttert ihn so, dass er, vom Schlage getroffen, zusammensinkt. Über seinem Grabe finden sich Vroni und Franz in Liebe und verschließen das furchtbare Geheimnis des unglücklichen Toten in ihren Herzen.
 
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Handlung
In diesem Volksstück wird die Einheit von Handlung, Ort und Zeit vorbildlich gewahrt. Alle Vorgänge spielen innerhalb von \(24\) Stunden. Ein einziger Tag zerstört den Trugbau Matthias Ferners.

Der Inhalt der Haupthandlung ist Ferners Untergang durch seinen Meineid. Diese Dichtung ist eine große realistische Charaktertragödie mit einem kunstgerechten Handlungsaufbau, starker dramatischer Wirkung, gewaltig ansteigender Tragik, packenden Einzelszenen und wirkungsvollen Aktschlüssen.

Die Intensität steigert Anzengruber zusätzlich durch den Einsatz melodramatischer Romantik: beispielsweise durch ein schwermütiges Heimatlied, einen düsteren Marsch, eine Märchenerzählung sowie aufregende Naturerscheinungen, wie Blitz und Donner, Regen und Sturm. Nach Wiener Art mildert er wie Raimund und Nestroy den Ernst durch derbkomischen, sarkastischen oder gutmütigen Humor.
 
 
Weitere Bauerndramen
"Der Kreuzelschreiber": Anzengruber verspottet in dieser urwüchsigen Komödie den blinden Autoritätsglauben der Bauern.
 
"Der G'wissenswurm": Es geht um die Entlarvung eines frömmelnden Erbschleichers.
 
 
2. WIENER VOLKS- UND SITTENSTÜCKE
 
Anzengruber bekämpft in ihnen die falsche Gemütlichkeit, die Großtuerei und die Neigung zum Kompromiss in sittlichen Fragen.
 
"Das vierte Gebot"
 
Ort und Zeit: Wien und Umgebung, zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts
Art: Volksstück in 4 Akten, soziales Drama
 
Hedwig, die Tochter des Wiener Hausherrn Hutterer, wird gegen ihren Willen mit dem protzigen, brutalen Wüstling Stolzenthaler verheiratet, um Geld- und Standesstolz des Vaters zu erfüllen. Dabei missbraucht er das 4. Gebot ("Du sollst Vater und Mutter ehren, damit du lange lebest und es dir wohl ergehe auf Erden.") als Druckmittel gegenüber seiner streng religiösen Tochter. Sie bringt ein krankes, lebensunfähiges Kind zur Welt und flieht, an Leib und Seele gebrochen, aus der unglücklichen Ehe wieder in das Elternhaus. Sie fehlte, weil sie sittlich Schlechtem gehorchte, die Eltern fehlten, weil sie nur auf äußere Vorteile bedacht waren.

Auch der sittenlose, versoffene Drechsler Schalanter und seine vergnügungssüchtige Gattin werden das Verderben ihrer Kinder. Sie glauben, ihre Kinder seien zu schön und zu gescheit für eine ehrliche Arbeit, und züchten in ihnen eine törichte Selbstüberhebung hoch. So sinkt Josepha, deren Tochter, zur Dirne herab, und der Sohn Martin wird, vom Vater in seiner Eitelkeit und seinem Jähzorn noch aufgestachelt, zum Mörder an seinem militärischen Vorgesetzten.

Er wird zum Tode verurteilt, weist den Besuch seiner Eltern zurück, die die eigentliche Schuld an seinem verpfuschten Leben haben, empfängt aber seine Großmutter, die sein Gewissen rührt und ihm seine Schuld verzeiht. Martin mahnt zuletzt den Geistlichen, der ihm den letzten Trost gibt und sein ehemaliger Mitschüler war: "Wenn du in der Schul' die Kinder lehrst: Du sollst Vater und Mutter ehren! so sag’s auch auf der Kanzel den Eltern, dass’s danach sein sollen."
  
Idee:  Die Kinder sind verpflichtet, Vater und Mutter zu ehren (4. Gebot), aber der Gehorsam der Kinder ist an Voraussetzungen gebunden, die von den Eltern erfüllt werden müssen.
 
Ziel:  Notwendigkeit sittlicher Erziehung als Fundament von Familie, staatlicher und überstaatlicher Gemeinschaft. Lebenslügen müssen entlarvt werden. Der Mensch darf nicht innerlich verkümmern und muss den Weg zu den echten Werten des Lebens finden.
 
Handlung und Personen
Das Stück gehört in die Reihe der bürgerlichen Dramen. Es ist ein Gesellschaftsdrama, das bereits naturalistische Wahrheitsliebe und soziale Tendenzen zeigt. In der Schilderung sittlicher Verlotterung und ihrer psychischen Folgen geht es den Weg des Naturalismus.
  
Auch Vererbung spielt bereits eine Rolle. Vom strengen Naturalismus unterscheidet sich das Werk durch die persönliche Schuld der Hauptgestalten, die der konsequente Naturalismus nicht kennt. Dort ist der Mensch nur mehr ein willenloses Produkt der auf ihn einwirkenden und bestimmenden Einflüsse von Milieu und Vererbung.
  
Bedeutung
Anzengruber hat mit diesem Werk dem österreichischen Volksstück eine allgemeinmenschliche, überzeitliche Idee verliehen. Das deutschsprachige Drama erreicht mit dem "Vierten Gebot" eine bis dahin nicht gekannte Volksnähe. Theodor Fontane sagte nach der Aufführung des Spieles in Berlin: " ... Ich kenne überhaupt nichts, auch das Größte mit eingerechnet, was erschütternder auf mich gewirkt hätte."
 
Erzählende Dichtungen
"Die Märchen des Steinklopfers": Hauptgestalt dieser sechs Märchen ist der Steinklopferhans aus den "Kreuzschreibern". Er ist zwar arm, aber ein Lebenskünstler, ein lachender Philosoph mit unerschöpflichem inneren Reichtum und erteilt seinen Mitmenschen selbstlos Rat in den Wirrnissen des Lebens.
 
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Die Steinklopfer, Gemälde von Gustave Courbet
 
"Der Sternsteinhof": Ein Bauernroman
 
"Der Schandfleck": Ein Bauernroman rund um ein uneheliches Kind
 
 
Quellen:
Schenk, I. (2015): DEUTSCH. Lehrbrief 25, Dr. Roland GmbH, 2. Auflage, Wien
https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Andi_oisn: Grab von Ludwig Anzengruber am Wiener Zentralfriedhof (Foto), online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AGrave_of_Ludwig_Anzengruber_Wiener_Zentralfriedhof.JPG (25.5.2016)
Carl Wenzel Zajicek: Das Theater an der Wien im Winter, online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AKarl_Wenzel_Zajicek_Theater_an_der_Wien_im_Winter.jpg (25.5.2016)
Barend Cornelis Koekkoek: Winter Landscape, online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ABarend_Cornelis_Koekoek%2C_Winter_Landscape%2C_1835-1838..jpg (25.5.2016)
Gustave Courbet: Les casseurs de pierres (1849), online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ADie_Steineklopfer.jpg (25.5.2016)