Theorie:

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Anzengruber (1839 - 1889)

Ludwig Anzengruber wurde in Wien auf dem Alsergrund geboren. Sein Vater, ein oberösterreichischer Bauernsohn, betätigte sich in seiner freien Zeit als Dramatiker, und seine Mutter, eine Wienerin, malte Blumenbilder. Durch den frühen Tod des Vaters geriet die Familie in Not, und Ludwig musste im Alter von \(14\)   Jahren die Realschule verlassen.

Er wurde Lehrling bei einem Buchhändler. Während dieser Zeit lernte er die kostbaren Schätze der Weltliteratur kennen und besuchte oft das Theater in der Leopoldstadt. Nach Studien über Nestroy schrieb er seine erste Posse.

Er schwankte zwischen schauspielerischen und dichterischen Neigungen und trat schließlich mit \(19\)   Jahren einer Wanderbühne bei. Durch seine vieljährigen Komödiantenfahrten lernte er nicht nur die Heimat und das Landvolk sondern auch das Elend der Schmiere und die Tiefen des Lebens gründlich kennen.

Diese Lehrjahre boten ihm aber Gelegenheit, die Bühnenwelt bis ins Kleinste zu studieren. Nach sechs Jahren wandte er sich ganz der Schriftstellerei zu. Es drängte ihn, von Wahrheit und Schönheit, von Gerechtigkeit und Freiheit zum Volke zu sprechen. Um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, nahm er einen Posten als Praktikant in der Wiener Polizeidirektion an.

Als 1870 sein Drama "Der Pfarrer von Kirchfeld" mit Jubel aufgenommen wurde, gab er seinen Posten auf und widmete sich ganz der dramatischen Dichtung. Er geriet jedoch bald in Bedrängnis, da der oberflächliche, seichte Geschmack der "Gründerjahre" sich immer mehr durchsetzte und die französischen Gesellschaftsstücke und die Operette seine Gunst beim Publikum beeinträchtigten.

Auch wurden ihm durch den Brand des Ringtheaters und des Stadttheaters zwei wichtige Wirkungsstätten genommen. Er leitete nun das damals bedeutendste politische Wiener Witzblatt "Figaro" und schrieb zum Broterwerb seine Erzählungen.

Das neugebaute Deutsche Volkstheater wurde mit seinem "Fleck auf der Ehr" eröffnet (1889) und Anzengruber als Theaterdichter an diese Bühnen verpflichtet, aber er starb kurz darauf.

 

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Kurz vor seinem Tod wurde Anzengruber als Dichter am Volkstheater verpflichtet

Hintergründe

Anzengruber wurzelt im Wiener Volksstück und in der Dorfgeschichte. Das Wiener Volksstück hatte sich in den Vierzigerjahren zur realistischen Lokalposse (Sitten- und Charakterstück) entwickelt, deren gewisse Weichheit, derbe Possenszenen und Gesangseinlagen aus dem älteren Wiener Volksstück stammen.

Während Ferdinand Raimund in der Gestalt sichtbarer Geistererscheinungen die Seelenvorgänge der handelnden Personen verständlich zu machen sucht, verlegen sie Johann Nestroy und vor allem Anzengruber in das Innere der Menschen.

Anzengrubers Bühnendichtungen unterscheiden sich von denen Raimunds und Nestroys durch den tieferen seelischen Konflikt, durch die Zeitverbundenheit und durch den größeren Reichtum lebenswahrer Züge in der Gestaltung seiner Personen. Außerdem gibt er dem Volksstück auch ein negatives Ende (Tragödie).

Die Konflikte und Gestalten entlehnt Anzengruber mit Vorliebe dem Dorfleben, weil er im Dorf die einfachsten und ursprünglichsten Menschen sah, die die Verbundenheit mit der Natur noch nicht verloren haben. Man schenkt seit der sozialen Umschichtung von \(1848\) den Sitten und Gebräuchen der Bauern mehr Beachtung, und sie fanden Eingang in die Dichtung.

Anzengruber ist aber kein Bauerndichter wie sein Freund Rosegger. Seine Personen aus dem Volke sprechen einen idealisierten Dialekt.

Anzengrubers Werke stehen durchwegs im Dienste sittlicher Zwecke. Er ist Bahnbrecher einer neuen Zeit, der Ankläger sozialer Missstände und Vorkämpfer der Freiheit. Er tritt ein für wahre Sittlichkeit, echte Frömmigkeit, Wahrheitsliebe, wahre Humanität und Toleranz, Mitleid und Liebe.

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Denkmal im Grete-Rehor Park (Schmerling-Platz, Wien)

Bedeutung

Ludwig Anzengruber war ein fortschrittlicher Meister des österreichischen Volksstückes, dessen Menschen er verinnerlichte und in lebensvoller Realistik gestaltete. Seinen Werken liegen starke Konflikte zugrunde. Er kämpft wie Henrik Ibsen für die Unabhängigkeit des Individuums und gegen die Lebenslüge. Ibsen ist jedoch kosmopolitischer, der österreichische Dichter mehr heimatlich-volkstümlich. Anzengrubers Realismus ist im Grunde gesunder Naturalismus österreichischer Prägung.

Anzengrubers Werke wurzeln im Wiener Volksstück und in der Dorfgeschichte. Mit Vorliebe entlehnte er Inhalte und Konflikte aus dem Dorfleben, so begründete er das Bauerndrama, das den Bauern neben den Bürger gleichberechtigt auf die Bühne holt. Außerdem gibt er dem Volksstück auch ein negatives Ende. Er war Bahnbrecher einer neuen Zeit und Vorkämpfer der Freiheit.

 

Wichtige Werke:

  • Bauerndramen: "Der Pfarrer von Kirchfeld", "Der Meineidbauer"
  • Wiener Volksstücke: "Das vierte Gebot"
  • diverse Erzählungen

 

Quellen:
Schenk, I. (2015): DEUTSCH. Lehrbrief 25, Dr. Roland GmbH, 2. Auflage, Wien
Ludwig Anzengruber, aus: Sigismundo Friedmann: Ludwig Anzengruber (1902), online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ALudwig_Anzengruber.jpg (25.5.2016)
Thomas Ledl: Volkstheater Wien, online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AVolkstheater_Wien.jpg (25.5.2016)
https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Hubertl: Foto des Ludwig-Anzengruber-Denkmals, veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-SA 4.0 auf: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AAT-20930_Ludwig_Anzengruber-Denkmal%2C_Wien_02.JPG (25.5.2016)