Theorie:

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Ferdinand von Saar (1833 - 1906)
Leben
Ferdinand von Saar ist der Sohn eines geadelten Wiener Industriegeschäftsmannes. Er verlor früh seine Eltern und wurde nach Besuch des Schottengymnasiums Kadett, dann Leutnant bei den Deutschmeistern.

Als 27-jähriger nahm er Abschied vom Militär, um sich ganz seinen dichterischen Neigungen zu widmen. Er verbrachte Jahre voll Not in Wien, bis adelige Gutsherren und reiche Bürgersfamilien ihn förderten und ihm ein sorgenfreies Leben ermöglichten.

So weilte er lange auf dem Besitz Blansko der Familie Salm, der Geburtsstätte seiner meisten Werke, wo er seine spätere Frau Melanie Lederer kennen lernte, die Hausdame der Fürstin war. Nach dreijähriger Ehe schied sie, wegen seelischer Depressionen, freiwillig aus dem Leben, und nun ließ sich der Dichter dauernd in Wien in Döbling nieder.

Stipendien der Stadt Wien, des Unterrichtsministeriums und des Kaisers bildeten die Grundlage seines Lebensunterhaltes. Drei Jahre vor seinem Tod wurde er Mitglied des Herrenhauses. Trotz aller Anerkennungen und Ehrungen blieb er ein innerlich einsamer Mensch. Nach langem, schwerem Darmleiden erschoss er sich.

Saar versuchte sich zunächst im Drama und legte Grillparzer ein historisches Drama "Heinrich IV." vor. Grillparzer prüfte es gründlich und konnte keine dramatische Begabung feststellen. Zwei Werke wurden ohne Erfolg im Burgtheater aufgeführt. Die beifällige Aufnahme seiner Novelle "Innocens" bewog ihn, sich von nun an dieser Dichtungsgattung zuzuwenden.
 
Bedeutung
Ferdinand von Saar ist neben Storm der feinste und seelenkundigste Novellist des 19. Jahrhunderts, freilich ein Dichter mit tragisch-skeptischem Einschlag. In den meisten Werken wirkt er wie Ebner-Eschenbach zweifelnd und kritisch, beide haben soziales Empfinden und treten für Menschlichkeit ein.

Saars Helden sind häufig Einsame, Vertreter einer untergehenden Zeit. Er zeichnet wahrheits- und wirklichkeitstreu und geht damit bereits den Weg, den später der Naturalismus revolutionär in Deutschland beschritten hat. Es trennt ihn aber sein Sinn für Form von den reinen Naturalisten.
 

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Saars Helden sind häufig Vertreter einer untergehenden Zeit
Novellen
Saar hat seine Novellen zum großen Zyklus "Novellen aus Österreich" zusammengefasst. Es sind fein gezeichnete Seelengeschichten, meist Ich-Erzählungen, mit wehmütigem Ausgang. Er bevorzugt die Technik der Rahmenerzählung und berichtet in der Regel in eigenem Namen, was er bei gelegentlichen Begegnungen mit den Hauptgestalten seiner Novellen miterlebt oder erfahren hat.

Den Schluss liefert ihm meistens ein Dritter, der in die Ereignisse verflochten war oder von ihrem Ausgang gehört hat. Saar zeichnet alle Menschenklassen: z. B.: in "Leutnant Burda" einen jungen, bürgerlichen Offizier, in "Innocens" einen aufklärerisch gesinnten Geistlichen, in der "Troglodytin" (= Höhlenbewohnerin) eine asoziale verführerische Landstreicherin.

 
"Tambi", eine Künstlernovelle (auch Tiernovelle)

Die Novelle ist eine Tragödie des bescheidenen, gütigen Menschen, eines erfolglosen Dichters, der alles viel zu schwer nimmt und der Härte des Lebens nicht gewachsen ist. Seine Schüchternheit versperrt ihm den Weg zur menschlichen Gesellschaft, die mehr von ihm erwartet, als er zu leisten vermag.

Er findet keinen Lebenssinn und keine Liebe. Die einzige Freude im Leben sieht er in seinem Dachshund Tambi; dieser liebt das Jagen. Aus Gutmütigkeit verzichtet der Dichter darauf, ihn an die Leine zu nehmen. Als der Hund infolgedessen erschossen wird, verliert der Dichter seinen seelischen Halt und wähnt sich dem sinnlosen Nichts ausgeliefert; daher die Flucht aus dem Leben.

 
"Die Steinklopfer"

Ort und Zeit: Österreich, 19. Jahrhundert
Art: Soziale Novelle
 

Anregung und Hintergrund
Als Leutnant marschierte Saar einmal über den Loiblpass und lernte dort das schwere Los der Erdarbeiter kennen. Auch war Saar vom Bau der Semmeringbahn sehr beeindruckt, er bewunderte den Erbauer Ghega und war tief berührt vom harten Schicksal der Arbeiter.

Den Hintergrund der Novelle bildet der Bau der Semmeringbahn, eines Wunderwerkes des 19. Jahrhunderts, und das Leben der Arbeiter in den Baracken. Von zwei Menschen, denen die Segnung des Fortschrittes nicht zuteil geworden ist, die aber bei der großen Kulturarbeit mitgeholfen haben, will der Dichter erzählen.

 

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Viadukt über die Kalte Rinne der Semmeringbahn


Inhalt 

Georg Huber ist ein kleiner, schwächlicher Mensch, der sieben Jahre Soldat war und nun von der Bauverwaltung der Semmeringbahn als Steinklopfer aufgenommen wird. Sein Aufseher ist ein brutaler Leuteschinder, der Stiefvater des böhmischen Mädchens Tertschka (= Therese). Er ist geizig, behält sogar ihren Lohn für sich und quält sie, den Arbeitern verkauft er schlechte, verdorbene Ware um teures Geld.

Bald bindet eine tiefe Neigung die beiden armen Menschen Georg und Tertschka. Der Aufseher erkennt dies und erlaubt nicht mehr, dass sie gemeinsam arbeiten. Sie treffen sich heimlich, Georg gesteht seine Liebe. Eines Tages erwischt der Aufseher die beiden bei einer kurzen Umarmung.

Er schleudert Georg zu Boden und erklärt ihn für entlassen. In Georg empört sich die sonst so verschüchterte und duldende Seele, er fühlt unerschütterliche Kraft in sich. Als Tertschka ihm auch gesteht, dass ihr Stiefvater ihr nachstellt, steht der Entschluss fest, dass beide fort müssen. Sie treten vor den Aufseher hin, der Tertschka in den Keller seiner Baracke stößt und die Tür versperrt.

Georg fordert wiederholt, das Mädchen freizulassen, zuletzt wirft er dem Aufseher anklagend vor, dass er seinem Stiefkind schändlich nachstelle. Dieser bekommt auch zu hören, wie elend er die schwachen und wehrlosen Arbeiter behandelt. Die Wucht dieser Anklagen rauben dem Aufseher die Besinnung, und er stürzt sich mit einem Messer auf Georg, der blitzschnell einen Hammer erfasst und in Notwehr seinen Widersacher tötet.

Tertschka ist frei, aber ihr Geliebter kommt als Urlauber vor das Militärgericht in Wiener Neustadt. Das Kriegsgericht erkennt ihn des Totschlags schuldig - unter Anerkennung von Notwehr und anderen Milderungsgründen.

Der Oberst lässt Georg und Tertschka zu sich rufen und setzt sich für sie ein, er beschließt, sie glücklich zu machen. Georg erhält durch seine Fürsprache einen Bahnwärterposten in Ehrenhausen an der Semmeringbahn.

 

Thema: Liebe zwischen zwei armen Menschen, Not und Elend der ausgebeuteten Arbeiter, menschliches Dulden.

Charaktere
Die Hauptgestalten sind Arme, Erbarmungswürdige, Bemitleidenswerte, vom Schicksal Verfolgte, die an sich und an der Welt leiden. Saar zeichnet seine Gestalten lebenswahr. Tertschka und Georg sind Waisen, haben traurige Kindheiten und Jugendzeiten hinter sich; sie nehmen es als selbstverständlich hin, dass man sie schlecht behandelt.

Ihre Schwäche ändert sich erst, als Georg in Notwehr den Aufseher erschlägt. Aber nach der Tat ist er wieder der alte Schwächling und findet kein Wort der Rechtfertigung für den Totschlag. Erst mit Hilfe Tertschkas gewinnt er den Glauben an sich selbst und an das Glück wieder. Der Aufseher ist die lebendige Rohheit, Gemeinheit, Dummheit und Ich-Sucht. Der Militärrichter (= Auditor) ist oberflächlich, genusssüchtig und pflichtvergessen, der Oberst ein äußerlich rauer, aber innerlich zarter und edler Mensch.

Bedeutung

Saar, der auch der "österreichische Storm" genannt wird, zeigt in dieser Novelle starken Realismus in der Beobachtung, beachtliche Lebenswahrheit in der Zeichnung der Charaktere, Sinn für tiefe Menschlichkeit, fesselnde Stoffgestaltung und Blick für das soziale Elend. Der Reiz der Handlung liegt in der Empörung des körperlich schwachen, fein empfindenden Georg gegen den feigen, brutalen Hünen. "Die Steinklopfer" ist eine der ersten Arbeiterdichtungen in deutscher Sprache.
 
Lyrik
Mit den "Wiener Elegien" verfasste Saar ein Preislied auf Wien, wobei er im neuen Wien in wehmütig elegischen Tönen die Reste des geliebten Alt-Wien sucht und selige Kindheitserinnerungen wachruft. Die Elegien sind kunstvoll in Distichen (Zweizeiler, 1. Verszeile: Hexameter, 2. Verszeile: Pentameter) geschrieben. 
 
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Wien, vom Belvedere aus gesehen
  
  
 
Er schrieb unter anderem auch soziale Gedichte, z.B. "Der Gesang der Armen im Winter", "Arbeitergruß", "Kontraste" oder:

Der Ziegelschlag
 
Weit gedehnte, öde Strecke,
schmutzig-gelbe Wassertümpel,
einsam ragt der Schlot des Ofens
über morsche Bretterschuppen.

Fahle Menschen, wie geknetet
aus dem fahlen Lehm des Bodens,
drin sie wühlen, treiben lautlos
Jahr um Jahr hier ödes Handwerk.

Füllen und entleeren Truhen,
mischen, treten, streichen, schlichten,
so des Backsteins ewig gleiche
Form verdrossen wiederholend.

Träge ziehn vorbei die Stunden;
aufgelöst in Staub und Hitze,
oder rings in Kot zerfließend,
scheint die Welt auch hier zu Ende.
  
 
Ferdinand von Saar ist neben Storm einer der feinsten und seelenkundigsten Novellisten des 19. Jahrhunderts. Trotz aller Anerkennung und Ehrungen blieb er ein innerlich einsamer Mensch. Seine Helden sind häufig Vertreter einer untergehenden Zeit.
 
Wichtige Werke:
  • Novellensammlung: "Novellen aus Österreich", daraus z.B.
  • "Tambi", "Die Steinklopfer"
  • Lyrik: "Wiener Elegien"
 
 
Quellen:
Schenk, I. (2015): DEUTSCH. Lehrbrief 25, Dr. Roland GmbH, 2. Auflage, Wien
Mayer, Stephanie (2015): DEUTSCH. Literaturgeschichte 2, Dr. Roland GmbH, 8. Auflage, Wien
Ferdinand von Saar, online unter: http://portrait.kaar.at/Oesterreich%20Kultur%2019.Jhd%20Teil%206/image17.html (24.5.2016)
Jean-François Millet: L'homme à la houe, online unter: http://www.bilder-der-arbeit.de/Museum/Bilder/large/Millet.jpg (25.5.2016)
Viadukt über die Kalte Rinne der Semmeringbahn, online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ASemmeringbahn_um_1900.jpeg (24.5.2016) 
Bernardo Bellotto: Wien, online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ACanaletto_(I)_058.jpg (24.5.2016)