Theorie:

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Marie von Ebner-Eschenbach (1830 - 1916) auf einem Gemälde von Karl von Blaas
 
Leben
geb. Gräfin Dubsky, ist auf Schloss Zdislawitz in Mären geboren. Sie lebte mit ihren Eltern und ihrem Mann, Baron von Ebner-Eschenbach, einem Feldmarschallleutnant, die meiste Zeit in Wien. Sie legte sich eine wertvolle Uhrensammlung an, die die Grundlage des heutigen Uhrenmuseums in Wien bildet.

In jungen Jahren schrieb sie bereits Gedichte, die ihre Stiefmutter zu Grillparzer brachte, der sie günstig beurteilte. Ihre besondere Liebe galt dem Burgtheater, und sie fühlte sich im Anfang ihres dichterischen Schaffens zur Dramatikerin geboren. 

Auf Anraten Grillparzers wandte sie sich aber der Epik zu. Ihr erster Erfolg war die Künstlernovelle "Ein spät Geborener", und nun blieb ihr der Erzählerfolg treu. Zu ihrem 70. Geburtstag wurde sie Ehrendoktor der Wiener Universität.

Merkmale und Bedeutung
Aus ihren Werken spricht gütige und milde Welt- und Lebensauffassung, reine Menschlichkeit und Nächstenliebe. Sie hat ein großes Verständnis für die Not der kleinen Leute, bei denen sie die Vornehmheit des natürlichen Herzens findet. Gleichzeitig kritisiert sie die unsoziale Haltung des Adels. Damit - und auch mit der Betonung der Erziehung, Vererbung, des Milieus, einem Interesse an "niederen" Schichten - wird sie zur Wegbereiterin des Naturalismus.
 
Ebner-Eschenbach lehrt uns, an das Gute unerschütterlich zu glauben, in keiner Lebenslage zu verzweifeln. Jedes Schicksal lässt sich demgemäß zum Guten wenden, wenn insgeheim Liebe einwirkt. In ihren sozialpsychologischen Erzählungen ist sie eine einfühlsame Darstellerin des seelischen Lebens, vom feinsten Humor und nie pathetisch. Die Umwelt malt sie einfach und klar. Gern stellt sie in den Mittelpunkt ihrer Werke einzelne Gestalten, die sie mit liebevoller Ausführlichkeit zeichnet.

Marie von Ebner-Eschenbach ist eine der größten österreichischen Erzählerinnen und eine der bedeutendsten Dichterinnen in deutscher Sprache. Durch Ebner-Eschenbach, Saar und Anzengruber findet die österreichische Dichtung ohne den Naturalismus den Weg zur neuen sozialen Dichtung.
 
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Marie von Ebner-Eschenbach (Mitte) am Kartentisch
 
Romane
"Bozena"
Geschichte einer Magd
Ort und Zeit: Mähren, 19. Jahrhundert
Art: Dienstbotenroman


Thema: Ein mutiges, gutes Dienstmädchen dient treu durch drei Generationen und erweist sich als ein wahrhaft großer, aufopferungsvoller Mensch.


"Das Gemeindekind"
Ort und Zeit: Mähren, 19. Jahrhundert
Art: Entwicklungsroman, sozialer Roman  

Inhalt  
 
Im Dorfe Kunovic in Mähren ist der Pfarrer ermordet worden. Der Verdacht richtet sich auf den verlotterten Trunkenbold Martin Holub und seine Frau, die zu diesem Zeitpunkt durch das Dorf zogen. Sie werden verhaftet und vor das Gericht gestellt: sie wird zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt und der Mann gehenkt.

Die beiden Kinder, Milada und Pawel, bleiben in ihrem Heimatdorf Soleschau. Eine Gutsfrau nimmt sich des zierlichen kleinen Mädchens an und lässt sie im Kloster in einer nahen Stadt erziehen; den dreizehnjährigen kräftigen Buben übernimmt widerwillig die Gemeinde, daher der Titel des Werkes. Er kommt in die Obhut verkommener Dorfbewohner.

Der trunksüchtige Hirt Virgil und seine Frau, die als Hexe verschrieen ist, behandeln ihn sehr schlecht. Er wird geprügelt, beschimpft, muss hungern, sodass er seine Mitmenschen zunehmend hasst und trotzig wird. Der Armenlehrer Habrecht bemüht sich vergeblich um Pawel, nur die hübsche Vinska, die anmutige Tochter des Hirten, hat Einfluss auf ihn. Er ist ihr ganz ergeben, obgleich er erkennt, dass sie ihn nur ausnützt und verspottet.

Sie liebt Peter, den Sohn des Bürgermeisters, eines der reichsten Bauern des Dorfes, der aber nichts von einer Heirat des Sohnes wissen will. Da stirbt er plötzlich, nachdem ihm Pawel im Auftrage von Vinskas Mutter ein schmerzstillendes Mittel gebracht hat. Peter verdächtigt Pawel des Giftmordes, er wird ins Gefängnis geworfen.

Pawel besucht nach vielen Jahren seine Schwester Milada im Kloster. Sie ist über die Verkommenheit des Bruders entsetzt und beschwört ihn, ein anständiger, guter Mensch zu werden. Durch diese Begegnung bahnt sich langsam eine Wende im Bruder an. Er trachtet seinen Ruf zu verbessern, schließt sich den Bemühungen des Lehrers auf, erkennt in ihm seinen besten Freund und wird sein eifrigster Schüler.

Er arbeitet fleißig im Walde und wird vom Förster gelobt. Peter, der indessen Vinska geheiratet hat, hasst Pawel noch immer. Auch die Dorfjugend beschimpft ihn weiterhin, aber Pawel beherrscht sich. Die Quälereien und Bosheiten machen ihn immer mehr zu einem einsamen Menschen. Da stirbt Vinskas Mann, mit dem sie nicht glücklich war. Sie nähert sich zaghaft Pawel, der aber seine Neigung zu ihr schon längst überwunden hat.

Tief erschüttert ihn der Tod seiner Schwester Milada, die durch übermäßiges Büßen und Fasten ihre Lebenskraft verbraucht hat. Als er vom Begräbnis seiner Schwester heimkommt, steht seine Mutter vor ihm. Ihre Kerkerstrafe ist beendet. Sie ist jedoch bloß gekommen, um ihre Kinder zu besuchen, bevor sie als Krankenwärterin in das Spital des Zuchthauses zurückkehrt. Sie gesteht dem Sohn ihre Schuldlosigkeit an der Ermordung des Pfarrers.

Die Mutter freut sich, dass er ein guter, tüchtiger Mensch geworden ist; Pawel lässt sie nicht mehr fort.
  
Thema
Wandlung eines unter schlechtem Einfluss stehenden Kindes durch Milde und Güte zu einem wertvollen Menschen. Im Gegensatz zur richtigen Erziehung Pawels wird seine Schwester Milada verfehlt und unnatürlich erzogen, denn auf Wunsch der Gräfin (Gutsfrau), ihrer Beschützerin, soll sie im Kloster zu einer Aristokratin herangebildet werden. Dabei stehen die Erziehungsschwestern auf dem Standpunkt, sie müsse für ihre Eltern büßen. Daher wird für ihre Gesundheit nichts getan. So wird auch ein Brief der Mutter dem Kinde nicht ausgefolgt.
  
Bedeutung
Der Roman ist ein Evangelium der Humanität. Er lehrt versöhnende Menschlichkeit und tätiges Mitleid. Die Dichterin glaubt an die Heilung der Menschen durch Erziehung mittels Liebe, denn Liebe wendet Schlechtes zum Guten. (Vergleiche das Werk mit Dickens: "Oliver Twist" und Waggerls: "Das Jahr des Herrn".)
 
Novellen
Zu Ebner-Eschenbachs herausragensten Werken zählen die Sammlungen ihrer Novellen und kleinere Erzählungen, z. B.: "Dorf- und Schlossgeschichten", "Aus Spätherbsttagen", u. a. Sie handeln auf dem Schlosse, auf dem Dorfe in Mähren und in Wien. Ihre Sprache ist einfach, sehr gepflegt, voll Anmut und behaglicher Ruhe. Bekannt aus ihren Sammlungen sind unter anderem:

"Lotti, die Uhrmacherin", eine Künstlernovelle

"Die Freiherrn von Gemperlein", eine komische Novelle: im Mittelpunkt stehen zwei verschieden geartete Brüder, einer konservativ und feudal, einer radikal und fortschrittlich, die zwar stets im Streit liegen, aber im Herzen einander gut gesinnt sind.

"Der Vorzugsschüler": Der Sohn eines ehrgeizigen Eisenbahnbeamten kann bei größtem Fleiß die Vorzugsnoten, die sein Vater von ihm fordert, nicht erreichen. Er erträgt die Überanstrengungen nicht mehr und ertränkt sich in der Donau.

"Krambambuli", eine Tiernovelle

Inhalt 
 
In einer Schänke trifft der Revierförster Hopp einen stellenlosen, zerlumpten Forstgehilfen, nach seinem hellen Haar der "Gelbe" genannt, der für Schnaps seinen Hund anbietet. Das schöne, geschmeidige Tier, das nach dem Lieblingsgetränk des "Gelben" Krambambuli heißt, ähnelt in der Farbe nach seinem Herrn.  

Der Förster erwirbt den Hund, und es dauert lange, bis das Tier begreift, wohin es nun gehört, und keine Fluchtversuche mehr unternimmt. Hopp liebt das Tier wegen dessen Treue und Wachsamkeit. Da muss er den Hund an den Besitzer des Forstes abgeben, aber das Tier grämt sich so sehr ab, dass es der Förster wieder erhält.

Um diese Zeit nehmen Waldfrevel und Wildern unter Führung des "Gelben" in den gräflichen Forsten zu. Der Oberförster geht mit größter Strenge vor, wodurch er sich verhasst macht. Eines Tages findet Hopp ihn erschossen auf. Sein Gewehr ist durch einen primitiven Schießprügel ersetzt. Krambambuli beriecht die Spur und ist voll Freude. 

Zehn Tage später trifft Hopp nahe der Mordstelle auf den Forstgehilfen mit dem Gewehr des Oberförsters und zwei erlegte Hasen. Beide schießen, treffen jedoch nicht. Der Förster hetzt den Hund auf den "Gelben", der ihn lockt. Krambambuli wird von der Liebe und den Rufen beider Herren hin- und hergerissen, er windet sich in Verzweiflung.

Dann springt er nach langer Seelenqual zu seinem ersten Herrn, der gerade auf den Förster anlegt. Es fallen zwei Schüsse, und der Wildschütz bricht tot zusammen. Hopp lädt noch einmal das Gewehr, bringt es aber doch nicht fertig, den Hund zu erschießen. Krambambuli bleibt bei der Leiche und folgt ihr beim Begräbnis mit gesenktem Kopf.

Nun treibt er sich herrenlos herum und magert zum Skelett ab. Sehnsüchtig schaut er vom Waldesrand zum Forsthaus, sodass Hopp nicht schlafen kann und beschließt, ihn zurückzuholen, aber am anderen Morgen liegt Krambambuli tot auf der Schwelle des Hauses.

 
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Jagdhund
 
 

Thema 
Eine wahre Tiertragödie. Entscheidung zwischen zwei Menschen, von denen der eine (der "Gelbe") unwürdig erscheint und dennoch eine geheime Anziehungskraft besitzt. Das Tier versteht seine wilde Natur und er das Tier. Der andere (Hopp) ist der Mensch aus geordnetem, kultiviertem Bereich, der das Tier aus der Kraft des Gemütes und der Güte beherrscht. Was die Dichterin hier gestaltet, ist ein Urkonflikt des Lebens. Darum hat Ebner-Eschenbach der Novelle den bedeutenden Satz vorangestellt:
 

"Vorliebe" empfindet der Mensch für allerlei Dinge und Wesen, Liebe, die echte, unvergängliche, die lernt er - wenn überhaupt - nur einmal kennen.
 
Lyrik
Von den Gedichten zeigt am klarsten die liebevolle Innerlichkeit der Dichterin "Das kleine Lied":

Ein kleines Lied, wie geht's nur an,
daß man so lieb es haben kann,
was liegt darin? Erzähle!
Es liegt darin ein wenig Klang,
ein wenig Wohllaut und Gesang
und eine ganze Seele.
 
 
Ebner-Eschenbach zeichnete sich durch reine Menschlichkeit und Nächstenliebe aus, sie zeigte großes Verständnis für die Not der kleinen Leute. So wird sie Wegbereiterin des Naturalismus.
 
Wichtige Werke:
  • "Das Gemeindekind" (Roman)
  • "Krambambuli" (Novelle)
  
Quellen:
Schenk, I. (2015): DEUTSCH. Lehrbrief 25, Dr. Roland GmbH, 2. Auflage, Wien
Mayer, Stephanie (2015): DEUTSCH. Literaturgeschichte 2, Dr. Roland GmbH, 8. Auflage, Wien 
Karl von Blaas: Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach (1873), online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ABlaas_%E2%80%93_Marie_von_Ebner-Eschenbach.jpg (24.5.2016)
Betty Paoli, Marie von Ebner-Eschenbach und Ida von Fleischl-Marxow am Kartentisch, aus: Helene Bettelheim-Gabillon: Betty Paoli. Ein Gedenkblatt zu ihrem hundertsten Geburtstag, in: Westermanns Monatshefte Band 117 (1915), S. 672, online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ABetty_Paoli%2C_Marie_von_Ebner-Eschenbach%2C_Ida_von_Fleischl-Marxow.jpg (24.5.2016)
https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AJagdhund_Solo.png (24.5.2016)