Theorie:

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Gottfried Keller (1819 - 1890)
 
Leben
Keller ist der Sohn eines früh verstorbenen Drechslermeisters aus Zürich. Er besuchte die Armenschule und die Industrieschule, von der er wegen eines Streiches verwiesen wurde. Der Jüngling glaubte sich zum Maler bestimmt und ging nach München, wo er bitterste Not leiden und erkennen musste, dass er seinen Beruf verfehlt hat.
  
Erst \(1848\) ermöglichte ihm ein Staatsstipendium, seine Studien in Heidelberg aufzunehmen. Nach der Rückkehr in seine Heimat erwachte in ihm ein Dichter und Politiker. Von \(1861\) bis \(1875\) war er erster Stadtschreiber in Zürich, die letzten \(15\) Jahre seines Lebens verbrachte er als frei schaffender Dichter. Er ist einer der größten Erzähler nach Goethe.
  
Wesenszüge
Seine Dichtungen sind von herzhafter Daseinsfreude und sieghafter Lebenszuversicht durchströmt. In ihnen vereinigt sich große Lebensklugheit mit politischem Weitblick. Er beobachtet liebevoll, kennt Verständnis und Verzeihen und zeigt oft gemütvollen Humor.
  
In der Darstellung des Wirklichen liebt er strenge Wahrhaftigkeit, doch vermeidet er das Hässliche. Sein Stil ist natürlich, sachlich, nüchtern. Er belehrt und warnt die Menschen und erzieht sie zum Guten. - Er will die Schönheit des Wirklichen entdecken und glaubt allein an das Glück des Diesseits.
  
Die Quelle der Sittlichkeit liege nicht außerhalb von Mensch und Erde, sondern im Menschen, den man zum freien Bürger der Erde machen müsse, zu einem Weltbürger.
  
Zusammengefasst:
  • Diesseitigkeit
  • Bürgersinn
  • Heimatliebe
  • Daseinsfreude
Romane - "Der grüne Heinrich"
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Roman in vier Teilen, zweite Fassung 1879/80
Ort und Zeit: Schweiz, 19. Jahrhundert
Entwicklungs- und autobiographischer Roman
  
Inhalt
1. Teil
Der "grüne Heinrich" ist Sohn eines früh verstorbenen Baumeisters, er wächst unter bescheidenen Verhältnissen bei seiner Mutter auf. Den Namen bekommt er wegen seiner grünen Jacke.
  
Im 12. Lebensjahr kommt Heinrich in der Realschule in die Gesellschaft vermögender Bürgerssöhne. Der Mangel an Geld bedrückt ihn sehr. Als er sich aus Geltungstrieb an der Führung eines Rachezuges gegen einen unbeliebten Lehrer beteiligt, wird er von der Schule ausgeschlossen.
 
Nun zeichnet und malt er zu Hause, bis er eines Tages auf Besuch in das Heimatdorf der Mutter fährt. Eine 22-jährige Witwe namens Judith, eine entfernte Verwandte, übt eine seltsame sinnliche Anziehungskraft auf den 14-jährigen aus. In dieser Zeit malt Heinrich im Walde zum erstenmal nach der Natur. An Sonntagen wird der Onkel Schulmeister am See besucht, zu dessen zarter Tochter Anna er in erster schwärmerischer Liebe entflammt.
 
2. Teil
Heinrich teilt in einem Brief seiner Mutter mit, dass er Maler werden möchte. Er malt inzwischen für Judith bescheidene Stammbuchblätter, aber seine tiefe Liebe gehört Anna. Nun muss Heinrich in die Stadt zurück und wird Malschüler des Meisters Habersaat, eines Allerweltkünstlers. Bald erkennt er aber die Zwecklosigkeit der Habersattschen Schule, gibt den Unterricht auf und richtet sich in seiner Dachkammer ein eigenes Atelier ein. 
 
Nach einer Theateraufführung, wo Heinrich und Anna teilnehmen, reiten sie gemeinsam nach Hause und küssen sich leidenschaftlich im Walde. Heinrich gerät dann in eine ausgelassene Gesellschaft, bei der auch Judith ist, die ihn zuletzt auf ihr Zimmer mitnimmt, wo sie ihn mit wilden und heißen Küssen umfängt. Aus tiefer Neigung zu Anna gelobt er sich, nie wieder zu Judith zu gehen.
 
3. Teil
Heinrich macht Bekanntschaft mit dem Aquarellisten Römer, einem wirklichen Meister, der eben aus Italien gekommen ist. Durch vier Monate lernt er nun die Natur mit Sorgfalt und Realismus behandeln.
 
Anna ist indessen schwer erkrankt und stirbt. Als er in seiner Heimatstadt an einer militärischen Übung teilnimmt, sieht er auf der Straße einen Wagen mit Auswandernden nach Amerika vorüberfahren, auf dem Judith mitfährt.
 
Nun beschließt Heinrich, eine bekannte ausländische Kunstmetropole (München) zu besuchen, um sich künstlerisch zu vervollkommnen. Er bleibt eineinhalb Jahre in der Musenstadt, kann aber infolge seiner knappen Mittel keinen Unterricht bei großen Lehrern nehmen. Sein Weltbild erweitert sich jedoch im Verkehr mit Freunden und in der bunten Bewegtheit des großstädtischen Lebens.
  
4. Teil
Heinrich verkehrt in studentischen Kreisen, mit seiner künstlerischen Arbeit kommt er aber nicht weiter, und seine Geldnot wird immer drückender. Die Mutter schickt die letzten Ersparnisse und nimmt sogar eine Hypothek auf das Haus auf, aber die Schulden des Sohnes nehmen zu. Der Hunger zwingt ihn, seine Zeichnungen und Malereien einem Trödler zu verkaufen.
 
Ein Handwerker aus seiner Heimat erzählt ihm von der Sehnsucht seiner Mutter nach dem Sohne. Zu Fuß begibt er sich auf den Weg nach Zürich. Unterwegs kommt er in ein Schloss, dessen Besitzer alle seine Bilder und Zeichnungen bei dem Trödler in München gekauft hat. Heinrich verbringt mehrere Wochen im Schlosse dieses Grafen, der ihm edelmütig eine ansehnliche Summe nachzahlt, sodass er auf Jahre der Not entronnen ist.
 
Als er endlich das Elternhaus betritt, liegt seine Mutter im Sterben; er kann ihr nur noch die Augen zum ewigen Schlummer schließen. Heinrich gibt daraufhin die Malerei auf, widmet sich dem Verwaltungsdienst und wird schließlich Oberamtmann in einem Dorf.
 
Dort trifft er Judith, die nach 10-jährigem, arbeitsreichem Aufenthalt in Amerika aus Sehnsucht nach Heinrich zurückgekehrt ist. 20 Jahre bleiben sie treu befreundet. Ihr schenkt er das geschriebene Buch seiner Jugend, das in grüne Seide gebunden ist.
 
  
Bedeutung
Ein einsamer, nach innen gewandter, unsteter, phantastischer junger Mensch wächst einem ungewissen Ziel entgegen; er ist zum Leben nicht tauglich. Allmählich ringt er sich aber zu einem tätigen, arbeitsamen, erfolgreichen Leben der Pflicht und zum Bewusstsein eines aufrechten Bürgertums durch.
 
Die stärksten Erziehungsmächte dabei sind der Geist der Tradition von Stadt und Land, der Gemeinschaftsgeist, der Geist der Ordnung und der Arbeit. Das Werk ist ein Entwicklungs- und Bildungsroman mit autobiographischem Gehalt. Dichtung und Wahrheit fließen ineinander.
 
Es ist auch ein Künstlerroman, der vom tragischen Scheitern eines jungen Künstlers erzählt. Obwohl dieses Werk inzwischen neben "Wilhelm Meister" von Goethe und "Nachtsommer" von Adalbert Stifter als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Bildungs- und Entwicklungsromane geschätzt wird, fand Gottfried Keller damals nur wenig Publikum.
Novellen
Keller gilt als der Meister der Novelle. Sie zeichnen sich durch beste Charakteristik und feine seelische Beobachtung aus.
 
"Die Leute von Seldwyla"
  
ist eine Novellensammlung in zwei Bänden. Seldwyla ist ein erfundener, "wonniger und sonniger Ort" in der Schweiz, dessen Bevölkerung sonderbar kauzig und spießbürgerlich ist. Die bekanntesten Novellen aus dieser Sammlung sind:
 
"Pankraz, der Schmoller", eine Bildungsnovelle
ist Kellers eigene Geschichte. Ein ungezogener, träumerischer Junge verlässt die Mutter und Schwester, weil er sich unverstanden fühlt. Er geht zur Fremdenlegion und kehrt innerlich gefestigt als Oberst zurück.
 
"Romeo und Julia auf dem Dorfe", eine Dorfnovelle
handelt von der Liebe der Kinder zweier verfeindeter Bauernfamilien, die an einem Sonntag einen Freudentag erleben und nach diesem Glück, das eine Trennung für beide unmöglich macht, gemeinsam in den Tod gehen. In dieser Novelle, die den Höhepunkt der Dorfgeschichte bildet, wird das Drama von Shakespeares Liebespaar Romeo und Julia in dörfliches Milieu versetzt.
 
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Szene aus der Novelle "Romeo und Julia aus dem Dorfe"
  
"Die drei gerechten Kammmacher"
Drei Kammmacher, ein Bayer, ein Sachse und ein Schwabe, machen einer alten Jungfer den Hof, um mit ihrem Geld das Geschäft ihres zugrunde gehenden Meisters übernehmen zu können. Sie beschließen, durch einen Wettlauf den Kampf zu entscheiden. Das Ende ist: der eine erhängt sich, der andere verlottert, der dritte bleibt als Sieger zurück und wird der unglückliche Gatte der Jungfer.
 
"Kleider machen Leute"
Ein armer Schneidergeselle verlässt in seinem besten Gewand Seldwyla und wird durch allerlei Zufälle für einen polnischen Grafen gehalten. Er verlobt sich mit der Tochter eines reichen Amtsrates, wird bei der Verlobungsfeier entlarvt, doch die Verlobte hält zu ihm und wird seine tapfere, liebe Frau. Das Thema dieser Novelle ist Sein und Schein.
 
 
"Züricher Novellen"
 
Während in den "Leuten von Seldwyla" im allgemeinen das Schweizerland mit einem Phantasiestädtchen den Hintergrund bildet, führt Keller in dieser Novellenammlung auf historischen Boden, indem er fünf Novellen aus besonders charakteristischen Kulturepochen seiner Heimatstadt erzählt.
 
"Hadlaub" und "Der Narr von Manegg" 
geben ein lebendiges Bild des Schweizer Minnesangs (14. Jahrhundert).
 
"Das Fähnlein der sieben Aufrechten"
ist das Meisterstück dieser Novellensammlung. Das Leitmotiv ist "Freundschaft in der Freiheit" - Die Dichtung ist ein Loblied auf das Schweizer Volk.

Kellers weltanschauliches Bekenntnis in dieser Novelle: echte Demokratie, Achtung vor der Meinung anderer, Verantwortungsbewusstsein, Rechtlichkeit, soziales Empfinden, sauberes politisches Interesse und rege Teilnahme an öffentlichen Dingen; Wertschätzung der Arbeit, der Familie, der Frau und Mutter, Achtung vor den Mitmenschen, Einordnen in die Gemeinschaft, Heimatliebe und darüber hinaus für das Allgemeine der Menschheit fühlen, echte Humanität; Bildung ohne Charakter ist wertlos.
Lyrik
Keller gehört wie Grillparzer und Hebbel zu den Gedankenlyrikern. Viele Gedichte zeigen eine innige Sprachmelodie, fein abgetönte Stimmungen und tiefes Naturgefühl:
 
"Abendlied" ("Augen, meine lieben Fensterlein.")
"Winternacht" ("Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt.")
Gottfried Keller gilt als Meister der Novelle und als einer der größten Erzähler nach Goethe. Seine Werke zeichnen sich durch herzhafte Daseinsfreude und sieghafte Lebenszuversicht aus.
 
Wichtige Werke:
  • "Der grüne Heinrich" (Roman)
  • Novellensammlungen: "Die Leute von Seldwyda" und "Züricher Novellen", daraus bekannte Werke:
  • "Romeo und Julia auf dem Dorfe", "Kleider machen Leute" u.a.
  
  
  
Quellen:
Schenk, I. (2015): DEUTSCH. Lehrbrief 23, Dr. Roland GmbH, 2. Auflage, Wien
Mayer, Stephanie (2015): DEUTSCH. Literaturgeschichte 2, Dr. Roland GmbH, 8. Auflage, Wien 
Johannes Ganz: Gottfried Keller im Alter von 66 Jahren (1885), online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AJohannes_Ganz_Gottfried_Keller_1885.jpg (24.5.2016)
H.-P.Haack: Keller, Gottfried: Der grüne Heinrich. Roman. Zweiter Band, aus: Antiquariat Dr. Haack Leipzig, online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AKeller_Der_gr%C3%BCne_Heinrich_1854_Bd.2.jpg (24.5.2016)
Ernst Würtenberger: Sali und Vrenchen auf der Kirchweih, aus: "Schweizerland", vol.5 Nr. 9/10 (1919), online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ARomeo_und_Julia_auf_dem_Dorfe_W%C3%BCrtenberger_6.jpg (24.5.2016)