Theorie:

Von den zahlreichen theoretischen oder kritischen Schriften Lessings wurden seine "Abhandlungen über die Fabel" bereits erwähnt. Aus den Übrigen sind die folgenden drei besonders wichtig:
 
1. "Laokoon oder Über die Grenzen von Malerei und Poesie"
2. Der "siebzehnte Literaturbrief"
3. Die "Hamburgische Dramaturgie"
 
 
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Laokoon und seine Söhne (Laokoon-Gruppe), 
Nachbildung aus hellenistischem Original
von 200 v.Chr., Vatikanische Museen
 
"Laokoon oder Über die Grenzen von Malerei und Poesie"
 
Laokoon war in der griechischen und römischen Mythologie ein ein trojanischer Priester, der, nachdem er seine Landsleute vor dem "trojanischen Pferd" gewarnt hatte, samt seinen Söhnen von Meeresungeheuern erwürgt wurde.
 
Ausgangspunkt bildet für Lessing der von dem Altertumsforscher Johann Joachim Winckelmann († 1768) in seiner Abhandlung "Von der Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst" angestellte Vergleich zwischen der Laokoongruppe* eines unbekannten griechischen Bildhauers und der entsprechenden Stelle in der Aeneis des römischen Dichters Vergil.
 
Winckelmann stellt richtig fest, dass der Laokoon der Plastik den Mund nur leicht geöffnet hält, als ob er stöhnte, während Vergil berichtet, dass Laokoon laut geschrien habe. Winckelmann sieht den Grund dafür darin, dass der Römer Vergil derbere Ausdrucksmittel verwendet hat als der griechische Künstler; denn der Wesenszug der griechischen Kunst sei "edle Einfalt und stille Größe" gewesen.
 
Lessing dagegen ist der Ansicht, dass der Widerspruch zwischen den beiden Darstellungen nicht im unterschiedlichen Nationalcharakter der Griechen und der Römer liege, sondern in den verschieden gearteten Gesetzen der beiden Kunstgattungen: die Dichtkunst ("Poesie") könne Dinge berichten, die in der bildenden Kunst (Lessing sagt kurz: "Malerei") nicht darstellbar seien.
 
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Jan Vermeer, Die Malkunst, 1664/68
 
Im Anschluss daran gibt Lessing die Wesensmerkmalevon beiden an:
 
Die bildenden Künste stellen Gegenstände im Raume nebeneinander dar.
 
Die Dichtkunst erzählt Ereignissein der Zeit nacheinander.
 
Eine Vermischung der Kunstgattungen sei zu verwerfen, daher sei sowohl die Erzählung
in der bildenden Kunst als auch die beschreibende Dichtung abzulehnen. Komme der Dichter oder die Dichterin dennoch in die Verlegenheit, einen Gegenstand schildern zu müssen, so solle er diese Schwierigkeit so umgehen, dass er die Herstellung des Gegenstandes erzählt, wie es z.B. Homer beim Schild des Achilles durchgeführt hat.
 
Darüber hinaus dürften auch innerhalb der Dichtkunst die einzelnen Gattungen
(Epik, Dramatik, Lyrik) nicht vermischt werden. Das Hässliche könne man heranziehen, um komische Wirkung zu erzielen.
 
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"Übungen in der Dichtung", Gedichte der deutschen Lyrikerin
Christiana Büsching, Titelblatt, 1752
 
Quellen:
Roland, M. (Hrsg.): DEUTSCH. Lehrbrief 13, Dr. Roland GmbH, Auflage 08/2015, Wien
https://de.wikipedia.org/wiki/Laokoon-Gruppe, 08.06.16
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/2d/Jan_Vermeer_van_Delft_011.jpg, 24.06.2016
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/81/Christiana_B%C3%BCsching_Uebungen_in_der_Dichtkunst_1752_Titel.jpg, 24.06.2016