Theorie:

 
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Lessing und Johann Caspar Lavater
zu Gast bei Moses Mendelssohn,
von Moritz Daniel Oppenheim,1856
 
Lessing, der die Briefe gemeinsam mit seinen Freunden, dem Philosophen Moses Mendelssohn und dem Schriftsteller Friedrich Nicolai schrieb, bezieht sich darin auf die neueste Literatur. Man nimmt zum Vorwand, einen im Siebenjährigen Krieg verwundeten Offizier durch diese Briefe über das Neueste auf literarischem Gebiet unterrichten zu wollen.
 
 
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Brief von Lessing an Ewald Christian von Kleist,
14. März 1758
  
 
Der siebzehnte Literaturbrief
 
Lessing stellt fest, dass Gottsched das deutsche Theater nicht nur nicht verbessert, sondern vielmehr diesem sehr geschadet habe. Seine Übersetzungen und seine eigenen Werke seien steif, nüchtern und unpoetisch. Den Hanswurst hätte er nicht von der Bühne verbannen sollen. Vor allem aber habe er den Fehler begangen, die französischen Tragédie classique als Vorbild für die deutsche Dichtung hinzustellen, während doch Shakespeare der deutschen Art vielgemäßer sei. Es gebe auch tatsächlich alte deutsche Dramen, die ganz im Stile Shakespeares gehalten seien, z. B. einen "Doktor Faust", aus dem Lessing eine Szene folgen lässt:
 
Faust sucht für seine Dienste den schnellsten Höllengeist und fragt jeden dieser Geister, wie schnell er sei. Alle sind ihm zu langsam, obwohl sie schnell sind wie der Wind, wie der Blitz oder  gar wie der Gedanke; der letzte Geist schließlich sagt, er sei so schnell wie der Übergang vom Guten zum Bösen: dieser Geist ist Faust schnell genug.
  
Diese Szene stammt nicht aus dem alten Theaterstück, wie Lessing behauptet, sondern
ist von ihm selbst geschrieben. Man nennt sie: Lessings Faustfragment.
Die "Hamburgische Dramaturgie"
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Altes Theater am Gänsemarkt in Hamburg bis 1827
 
Als Dramaturg des Hamburger Theaters hatte Lessing eine große Zahl älterer und neuerer Theaterstücke zu lesen, kritisch zu beurteilen und über ihre Aufnahme in den Spielplan zu entscheiden. Aus den Aufzeichnungen über diese Tätigkeit entstand die "Hamburgische Dramaturgie". Neben zahlreichen Einzelbesprechungen von Dramen, die zum Teil in Einzelheften an die Zuschauer und Zuschauerinnen verteilt wurden, enthält sie folgende wichtige allgemeine Feststellungen:
 
Die Einheiten des Ortes, der Zeit und der Handlung, die von den Franzosen und Französinnen für das Um und Auf des "regelmäßigen" Dramas gehalten werden, seien keineswegs wichtig. Shakespeare beachte sie oft überhaupt nicht und erziele trotzdem - oder deswegen - bessere Wirkungen als die französischen Dramatiker und Damatikerinnen; er verstehe es nämlich, großartige Charaktere auf die Bühne zu stellen.
 
Wie hinsichtlich der drei Einheiten, so hätten die Franzosen und Französinnen auch in der Frage von Furcht und Mitleid die Ausführungen des Aristoteles falsch ausgelegt. Corneille wolle seine Zuschauer und Zuschauerinnen "durch Schrecken zum Mitleid" führen. Dies sei verfehlt. Richtig sei es vielmehr, zuerst beim Publikum Mitleid mit dem tragischen Helden zu erwecken, indem man ihn zwar schuldig werden, seine Handlungswiese aber menschlich verständlich bleiben lässt. Dazu müsse der tragische Held einen "gemischten Charakter" haben, das heißt, er dürfe weder vollkommen gut noch vollkommen böse - weder Engel noch Teufel - sein.
 
Wenn dann der tragische Held zu Grunde geht, müssten die Zuschauer und Zuschauerinnen fürchten, dass ihn in einer ähnlichen Lage ein ähnliches Schicksal ereilen könne. Furcht in diesem Sinne sei also das vom Zuschauer auf sich selbst bezogene Mitleid. Nur auf diese Weise könne beim Zuschauer die "Reinigung der Leidenschaften", die "Katharsis", eintreten.
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Unbekannt, Portrait von William Shakespeare
 
Lessing nimmt also auch hier Stellung gegen die meisten französischen Dichter, besonders gegen Corneille. Molière dagegen und den ihm, Lessing, geistesverwandten Diderot lässt er gelten. Das große Vorbild für den deutschen dramatischen Dichter aber müsse Shakespeare sein.
 
 
Quellen:
Roland, M. (Hrsg.): DEUTSCH. Lehrbrief 13, Dr. Roland GmbH, Auflage 08/2015, Wien
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/88/Mendelssohn,_Lessing,_Lavater.jpg, 24.06.2016
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/65/Lessing_Kleist-Brief.jpg, 24.06.2016
https://de.wikipedia.org/wiki/Gotthold_Ephraim_Lessing#/media/File:Theater_am_G%C3%A4nsemarkt_Hamburg.jpg, 24.06.2016
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/fb/Cobbe_portrait_of_Shakespeare.jpg,  23.08.2016