Theorie:

Das Verhältnis des Menschen zum Absoluten wird das zentrale Problem der Dichterinnen und Dichter dieser Jugendbewegung.

Die neue Kunst will wieder Religion werden wie im Mittelalter, sie will mit dem Bisherigen nichts mehr zu tun haben. Man lehrt, dass die Kunst nicht bloße Wiedergabe der Wirklichkeit und die Dichterinnen und Dichter nicht nur die Wirklichkeit "fotographieren".

Nicht das, was sich mit den Sinnen erkennen lässt, sei das Wirkliche, sondern das Wesen hinter den Erscheinungen. Daher haben sich Künstlerinnen und Künstler der Seele, dem Geist und der Idee zuzuwenden. So wird die Kunst selbst zum Ich-Bekenntnis und zum Aufschrei. Doch soll die Kunst nicht um ihrer selbst willen da sein, sondern den Menschheitszielen: der Religion, der Sittlichkeit und der Politik dienen. Das Leben und mit ihm die Kunst sollen einen neuen Inhalt erhalten.

Die starke Subjektivität des Künstlerischen teilt der Expressionismus mit der Neuromantik und dem Symbolismus. Man liebt das Grelle, Schreiende, Übersteigert, Ekstatische. Selbst Umwelt und Landschaft werden zuweilen ekstatisch gesehen. Ansonsten wendet man sich aber ab von der Ästhetik der Neuromantik und des Symbolismus, weil diese genießerisch, sinnenfroh und sinnenverderbt seien.


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Selbst Umwelt und Landschaft wurden zuweilen ekstatisch gesehen (Wassily Kandinsky: Starnberger See)

Statt der Seelenkunde des Naturalismus und der Neuromantik verlangt man das Allgemeingültige, das Allgemein-Menschliche, die Schau des Wesentlichen und Bedeutenden und nicht der Sonderfälle: Es geht um die Gestaltung des inneren Lebens, nicht des Einzelmenschen in seiner persönlichen Eigenart, sondern des Menschen an sich

Die Menschen werden also zu Typen: "Vater", "Mutter", "Sohn", Bürger" usw. Aus ihnen klingt die ganze Menschheit: darum die Vorliebe für die allgemeinen Bezeichnungen.
Kunstrichtungen
Die Schau des Wesentlichen, die Vision an Stelle des Bildes und die Ekstase fanden zuerst ihren künstlerischen Niederschlag in der Malerei. Große Künstler, wie Paul Gaugin, Vincent van Gogh, die Österreicher Albin Egger-Lienz, Egon Schiele oder Oskar Kokoschka waren bestrebt, das Wesentlich zu erfassen und die Realität beiseite zu lassen.

Der Norweger Edvard Munch mit seinem Bild "Der Schrei" wurde zu einem der tapistischsten Vertreter des malerischen Expressionismus. Schon 1905 schlossen sich gleich Maler in Dresden in der Künstlervereinigung "Die Brücke" zusammen, ähnlich wie Kandinsky 1911 in München die Gruppe "Der blaue Reiter" gründete, die die neuen Ideale verfocht.


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Der Maler Ernst Ludwig Kirchner gehörte der expressionistischen Künstlergruppe "Die Brücke" an

Ähnliche Wege versuchte Arnold Schönberg in der absoluten Musik zu gehen, die ins Metaphysische führen sollte.
 
Besonders starken Ausdruck aber fand die neue Kunstrichtung in der Literatur. Ist auch vieles von diesen Dichtungen heute überholt und vergessen, so brachte doch dieser Einbruch der "Moderne" für seine Zeit eine entscheidende Wendung in der Kunst.
 
 
Quellen:
Schenk, I. (2015): DEUTSCH. Lehrbrief 30, Dr. Roland GmbH, 2. Auflage, Wien
Wassily Kandinsky: Starnberger See, Fotographie von Gautier Poupeau, veröffentlicht als CC BY 2.0, online unter: https://www.flickr.com/photos/lespetitescases/14544983545 (15.6.2016)
Ernst Ludwig Kirchner: Artistin - Marcella, Gemälde (1910), online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ernst_Ludwig_Kirchner_-_Artistin_(Marzella).jpg (15.6.2016)