Theorie:

Themen
Mit dem Naturalismus hat der Expressionismus den Kampf gegen den bestehenden Staat und die enge Verbindung mit dem sozialen Gedanken gemeinsam. Die Dichter treten gegen Machtpolitik und Krieg auf. Der Gewalt und dem Ungeistigen wird der Geist entgegengestellt. Die neue soziale Gesinnung zeigt sich im offenen Kampf gegen die kapitalistische Wirtschaftsordnung.

Der Selbstsucht wird Uneigennützigkeit, Selbstlosigkeit und Gemeinschaftsgedanke als Ideal entgegengestellt. Der Mensch soll bekehrt und gebessert werden. Die Seele revoltiert gegen Technik, Mechanisierung, Großstädte und Fabriken. Man flüchtet aus der mechanisierten Welt in die Natur, ins reine Menschentum, zu den Naturvölkern.

Die Sehnsucht nach dem Einfachen, Schlichten, nach Ruhe und Stetigkeit erwacht. Die Freude am Naturhaften führt zu den Urinstinkten, zur Freude an Kraft und Vitalität. So will man der Überfeinerung der modernen Kultur Abbruch tun.
  
  
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Die Freude am Naturhaften soll der Überfeinerung der Kultur entgegenwirken

Es ist eine Zeit, in der der Einfluss der Bürgerlichkeit als Lebensform mehr und mehr an Bedeutung zu verlieren begann, während die Arbeiterschaft und damit die Lebensdynamik der "Masse" in jähem Aufstieg begriffen ist. Es ist nicht verwunderlich, dass viele Expressionisten im Kommunismus die ideale Weltanschauung sahen.

So wird die Welt der expressionistischen Dichterinnen und Dichter der Realität entkleidet, sie sehen nicht, sie schauen, sie schildern nicht, sie erleben. Die Tatsachen haben ihre Bedeutung nur insoweit, als die Hand des Künstlers durch sie nach dem fasst, was dahinter steht, nach dem Allgemein-Menschlichen, aber auch nach dem Göttlichen, das er überall findet, in den Ausgestoßenen der menschlichen Gesellschaft sowohl als auch in der Fabrik oder der Stadt, die er beseelt.
Sprache
Unbekümmert um die Regeln der Poetik und der Grammatik strebten die Dichtenden danach, ihre Gefühle und Leidenschaften auszudrücken. So wird das Gesteigerte, Fantastische, Seherische, Visionäre und auch Groteske der Wirklichkeit entgegengesetzt. Auch manche gotischen und barocken Elemente zeigen sich.

Oft schwinden die Grenzen zwischen Wirklichkeit einerseits und Vision und Traum andererseits. Pathos und Bekenntnis treten an die Stelle ruhigen Beobachtens. Aus der Übersteigerunssucht der Ausdruckskunst ergibt sich auch der Drang zur Übersteigerung im sprachlichen Ausdruck, zur Hyperbel, zum Superlativ, zur höchsten Eindringlichkeit und auch zum Sensationellen.


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Oft schwinden die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum (Egon Schiele: Selbstseher II)

Schreie, Ausrufe, Gestammel, atemloses Tempo, kurz abgehackte Sätze, verdrehte Wortfolge, Weglassen von Artikeln, Bindewörtern und Beiwörtern, äußerste Gedrängtheit des Ausdruckes kennzeichnen die Sprache des Expressionismus.

Häufige Stilmittel sind ein Schrei- und Telegrammstil, eine Verkürzung der Sprache. Die Sprache wird dynamisiert, das Verb herrscht vor. Teilweise werden aus Nomen und Adjektiven neue Zeitwörter gebildet, wie zum Beispiel "blumen", "tieren" oder "steinen".

Das Wort als solches gewinnt an Würde, Bedeutsamkeit und magischer Kraft, oft wechseln je nach dem Inhalt Prosa, die Reales bringt, und Vers, der der metaphysischen Schau entspricht, jäh miteinander ab.
Die Sprache ist ekstatisch, expressiv, dynamisch und lautmalend mit einem Hang zum Pathos.

Aufgabe
Die expressionistischen Dichterinnen und Dichter sind stets Prophet, Mahner, Wegbereiter, Menschenführer oder Agitator. Sie dringen in alle wichtigen Sphären des menschlichen Lebens ein: in Religion, Gesellschaft und Politik. Sie predigen im Zeitalter des Kapitalismus das Evangelium der Liebe, Güte und Brüderlichkeit

So wird die Dichtung nicht zum Selbstzweck, und die Künstlerinnen und Künstler schreiben nicht um der Kunst willen, sondern sie verfolgen eine hohe ethische Mission.
Zusammenfassung
Merkmale der expressionistischen Epoche sind:
 
  • Ekstase, mystische Erregtheit, Vision
  • Die Schriftstellenden sind Seher, Propheten, Bekenner
  • Allgemeines, Typisches, die "Idee Mensch" ("der Mann", "die Frau" usw.) wird dargestellt
  • Charaktere werden oft grotesk verzerrt
  • Abstraktion vom Gegenständlichen, Dargestelltes wirkt oft wie ein Traum, eine Vision
  • Ideen-Dichtung statt Erlebnis- oder Stimmungsdichtung
  • Lockere Form der Dichtungen
  
Quellen:
Schenk, I. (2015): DEUTSCH. Lehrbrief 30, Dr. Roland GmbH, 2. Auflage, Wien
Mayer, Stephanie (2015): DEUTSCH. Literaturgeschichte 2, Dr. Roland GmbH, 8. Auflage, Wien
https://pixabay.com/de/grün-farn-blatt-natürliche-715535/ (15.6.2016)
Egon Schiele: Selbstseher II (Tod und Mann), Fotographie (Ausschnitt): Roman Sonnberger