Theorie:

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Franz Werfel (1890 - 1945) stammt aus Prag, er gilt als bedeutendste Person des Prager Kreises. Nach dem ersten Weltkrieg übersiedelte er nach Österreich, 1938 emigrierte er über Frankreich in die Vereinigten Staaten und starb in Kalifornien.

Werfel ist der Bahnbrecher des österreichischen Expressionismus, alle seine Dichtungen atmen das Gedankengut der Ausdruckskunst: Menschheitsverbrüderung und Humanität verbinden sich mit einem echten Mitleidsethos. Das Wissen um die Schuld Einzelner führt ihn aber nicht zu müder Resignation, sondern zu leidenschaftlichem Kampfe, in dem er seine trägen Mitmenschen zu einer innigeren Verbundenheit aufrufen will.

Gegen das triebhafte, elende und vor Gott verworfene Ich, gegen den Morast der Zeit wird er zum Sänger einer unendlichen Erlösungssucht, zum inbrünstigen Gottsucher. Weltanschaulich mehr Pantheist als Jude, stand er am Ende seines Lebens dem Christentum nahe, mit dessen wahrer Frömmigkeit er sich schon in einigen seiner Werke auseinandergesetzt hatte.
Lyrik
Am deutlichsten treten Werfels ethische Gedanken in seiner Lyrik hervor, durch die er zuerst bekannt wurde. Geschult an Rilke, Hofmannsthal und besonders Walt Whitman, errang der junge Dichter mit seinen Lyriksammlungen "Weltfreund", "Wir sind", "Einander" schon vor dem ersten Weltkrieg nachhaltigen Erfolg, sodass sich die Dichterlaufbahn für ihn von selbst ergab.

Die Verse seiner Lyrik strömen wie Musik dahin, aber manchmal wird die Sprache barock, voll grässlicher Bilder. Er sucht das Göttliche im Menschen zu entdecken, in Schau und Prophetie, Vision und Traum. Mitfühlen mit dem Massenleid, mit den Elenden und Geächteten erfüllt neben dem Gottsuchertum seine Gedichte, von denen vor allem der Band "Gerichtstag" zum Grundbuch expressionistischer Lyrik wurde.
Dramatik
Weit mehr noch als zur Lyrik drängte die barock-expressionistische Eigenart den Dichter zum Drama und zur Oper. Einige seiner Dramen sind halb magische Vision, halb lyrische Oper. Beim dramatischen Schaffen Werfels sind deutlich drei Entwicklungsstufen zu unterscheiden:

1. Im Zeichen des Expressionismus und des bei ihm nun aufbrechenden Weltverbrüderungsgefühls stehen:

"Troerinnen", Tragödie
Diese Bearbeitung des Werkes von Euripides ist die erste dramatische Dichtung Werfels. Er veröffentlichte sie unmittelbar vor Ausbruch des ersten Weltkrieges und vertritt darin Weltverbrüderungs- und Antikriegstendenzen. Das Drama ist eine einzige Klage der Troerinnen am Ende des Trojanischen Krieges, der keinen eigentlichen Sieger kennt, denn beide Parteien sind gleich schwer getroffen worden. Alle antike Härte fehlt.

"Bockgesang", Tragödie
Der Titel des Werkes ist eine der üblichen Übersetzungen des griechischen Wortes "Tragödie" und deutet den Inhalt an: Wenn der große Pan - gemeint ist das Tierische im Menschen - sich losgerissen hat, steht am Ende die Vernichtung. Werfel wendet sich gegen die Gewalt, gegen Revolutionen und lehrt, dass nur Liebe überzeugen und aufbauen könne. Es geht in dieser Dichtung um einen Aufstand der Landlosen im 18. Jarhundert an der slawischen Donau.

"Spiegelmensch", magische Trilogie
Das Werk geht von dem bizzaren Gedanken eines Doppel-Ichs im Menschen aus: des Sein- Ichs und des Schein-Ichs oder Spiegel-Ichs. In dem ewigen Zwiespalt dieser beiden liegt die menschliche Tragik. Zuletzt wird der Held von seiner Selbstbespiegelung befreit, und das Sein-Ich, das hohe Ich, siegt über das Schein-Ich, das niedere Ich (= das Ich der Triebe und Leidenschaften, das eitle und selbstsüchtige Ich). Der Grundgedanke ist, der Mensch müsse die Ich-Sucht in sich überwinden und sich ganz zu Selbstlosigkeit und Nächstenliebe durchringen.

Dieses Erlösungsdrama wird auch als der "expressionistische" Faust bezeichnet und ist voller Symbole und innerer Gesichte.


2. Eine fast radikale Wendung von dem Mystiker und überschwänglichen Gefühlslyriker Werfel zum Realisten zeigen die nächsten Dramen; bei genauer Betrachtung fehlt aber der innere Zusammenhang zu den früheren Werken nicht.

"Juarez und Maximilian", ein historisches Drama
Die Tragödie Maximilians, des jüngeren Bruders Kaiser Franz Josephs, der in Mexiko den Kaiserthron bestieg und von dem eingeborenen Präsidenten, dem Republikaner Benito Juarez, hingerichtet wird. Maximilian, der gegen sein eigenes Gefühl in dieses Abenteuer getrieben wird, hält seinen Willen für ausreichend, das Leben zu bewältigen, ist aber ebenso ein Träumer wie der Held aus dem "Spiegelmensch". Erst im Augenblick des Todes erkennt er die Realität. Gegenspieler ist der im Stücke niemals auftretende Juarez, dessen Schatten doch über dem Ganzen liegt.
 
Dieses Werk ist Werfels bestes und bühnenwirksamstes Drama.
 
  
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Kaiser Maximilian I. ist die Hauptfigur in Werfels Drama "Juarez und Maximilan"

"Paulus unter den Juden", dramatische Legende
Werfel beschäftigt sich immer wieder mit religiösen Problemen, und zwar besonders mit dem Durchbruch des neuen Glaubens in der Geschichte, der noch auf eine Welt starrer Gesetze stößt. Paulus, der Apostel des Evangeliums der Liebe, und Gamaliel, der Vertreter des starren tötenden Gesetzes, werden einander gegenübergestellt.

"Das Reich Gottes in Böhmen"
Spielt zur Zeit der Hussitenkriege und befasst sich ebenfalls mit religiösen Problemen.

 
3. In der Emigration schrieb Werfel sein letztes dramatisches Werk.

"Jakobowskij und der Oberst", die Komödie einer Flucht
Ein sehr ernstes Thema wird hier heiter behandelt. Der bescheidene, heitere, weise und abgeklärte Ostjude Jakobowskij, der dem polnischen Oberst mit innerer Überlegenheit entgegentritt, mag wohl viele Züge von Werfel selbst haben, und manches Erlebnis seiner Emigration ist in diese Komödie von den beiden Emigranten mit hineingeflossen.
Romane und Novellen
Auch in seinen erzählenden Dichtungen behandelt Werfel tiefe Ideen, es geht um religiöse Probleme oder um menschliche Konflikte.
 
"Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig"
Ein Jugendwerk (1915), bringt in grellen Farben ein Lieblingsthema der Expressionisten, den Vater-Sohn-Konflikt.

"Verdi", Roman
Stellt die beiden größten Persönlichkeiten des Opernschaffensdes 19. Jahrhunderts einander gegenüber, und zwar Verdi als einen Vertreter der Melodie und Wagner als Rationalisten, der vom Wort ausgeht. In dialektischer Weise beleuchtet Werfel die Polarität dieser beiden Künstler, stellt sich selbst auf die Seite Verdis und polemisiert gegen den Romantiker Wagner.

"Die vierzig Tage des Musa Dagh"
Der beste Roman Werfels, erzählt von dem Heldenkampf einer kleinen Gruppe christlicher Armenier gegen die Türken auf dem nordsyrischen Berg Musa Dagh (= Mosesberg) im Jahre 1915 bis zur Befreiung durch eine englisch-französische Flotte. Der Führer dieser Armenier, ein durchgeistiger Mensch, der aus ethischen Gründen diesen Kampf auf sich genommen hat, muss folgerichtig an dem errungenen Sieg selbst zugrunde gehen.


Mit religiösen Fragen setzen sich die drei folgenden Romane auseinander: "Das Lied von Bernadette", "Barbara oder die Frömmigkeit" und "Der veruntreute Himmel".

 
Quellen:
Schenk, I. (2015): DEUTSCH. Lehrbrief 31, Dr. Roland GmbH, 2. Auflage, Wien
Carl Van Vechten: Franz Werfel, Fotographie (1940), online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AWerfel.jpg (11.6.2016)
DeGolyer Library, Southern Methodist University: Emp. Maximilien, online unter: http://digitalcollections.smu.edu/cdm/ref/collection/jtx/id/283 (15.6.2016)