Theorie:

Expressionismus in Österreich

Hermann Bahr war nicht nur der Mittelpunkt des Wiener Literaturkreises, der im Sinne des Impressionismus und der Dekadenzdichtung schrieb; durch seine kritischen Schriften über die Moderne und besonders die Abhandlung "Die Überwindung des Naturalismus" wurde er auch zu einem Wegbereiter des Expressionismus in Österreich.

Wie bei vielen anderen Dichtenden dieser Zeit zeigt sich auch hier die Breite der geistigen Einstellung und die Vielfalt der Ausdrucksformen. So zeigen viele, nicht eigens unter dem Expressionismus angeführten Autorinnen und Autoren aus Österreich, wie etwa Rilke, in ihren Werken Merkmale der "Ausdruckskunst".

In zwei Städten Altösterreichs bildeten sich Kulturzentren dieser modernen Literatur: neben der Kaiserstadt Wien stand die alte Kulturmetropole des böhmisch-mährischen Raumes, Prag. Gerade von dort gingen wertvolle expressionistische Kräfte aus, welche die Dichtung im Raume Altösterreichs entscheidend beeinflussten.
Franz Kafka (1883 - 1924)
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Kafka stammte aus Prag, seine Familie gehörte dem begüterten Judentum der Stadt an. Schon früh fühlt er sich von einem fast krankhaften Vaterkomplex in seinem Lebensgefühl eingeschränkt. Nach dem Studium der Rechte nimmt Franz Kafka eine Stellung bei einer Versicherung an. Kuraufenthalte sollen seine Krankheit heilen, bringen aber nur kurzfristig Besserung.
  
Schließlich stirbt Kafka mit 41 Jahren in Kierling bei Wien an Tuberkulose. Nur wenige seiner Erzählungen erschienen zu Lebzeiten des Autors; die großen Romane gab Max Brod nach dessen Tod gegen den ausdrücklichen Wunsch Kafkas heraus, der deren Verbrennung verfügt hatte.

In seinen Romanen und Erzählungen stellt Kafka die Einsamkeit, Weltangst und Verzweiflung des modernen Menschen an der Kultur sowie die innere Auflösung seiner Zeit dar. Vom Realen geht er in traumartige Visionen über, hinter dem Alltäglichen steht das Ungeheuerliche, hinter dem Selbstverständlichen das Unbekannte, das den Menschen ängstigt und bedrückt, ja bis zur Verzweiflung treibt.

Er gibt die reale Handlung auf, greift aber immer wieder zu realistischen Darstellungsmitteln. Diese Mischung von überdeutlicher Darstellung des Alltags und geheimnisvollen, symbolischen Traumgeschichten ist charakteristisch für sein Schaffen. Eine Einordnung in eine bestimmte Literaturströmung ist äußerst schwierig, da sein Werk symbolische, expressionistische und surrealistische Elemente aufweist.
  
  
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Kafka-Denkmal in Prag
  
"Der Prozeß", Roman
 
 
Die Hauptgestalt ist der Bankbeamte Josef K., dem eines Tages mitgeteilt wird, dass er angeklagt sei, ohne dass er den eigentlichen Grund dieser Anklage erfährt, und dass er sich vor einem Gericht verantworten müsse. Trotzdem belässt man ihn auf freiem Fuße, und Josef K., gehetzt und geängstigt, versucht sich verzweifelt aus den Maschen dieses imaginären Gerichts zu befreien und verstrickt sich nur immer tiefer darin.

Der Verhandlungsort des Gerichtes wechselt, bald sind es Vorstadthäuser, bald Dachböden; die Rechtsordnung, nach der das Verfahren läuft, ist ebenso wie die Anklage nicht ergründbar. Es ist eine metaphysische, nicht eine reale Schuld, wegen der dieser unbedeutende Mann, der aber keinen entsprechenden ethischen und religiösen Rückhalt hat, verhaftet, verurteilt und schließlich in einem Steinbruch hingerichtet wird.

Kafka zeigt in Josef K. den vor Angst gepeinigten einsamen Menschen, der in die Fänge einer überpersönlichen Macht gerät; seine Seele ist in unbewusste Schuld verstrickt. Vom Realen über Traumvisionen bis ins Metaphysische und Surrealistische geht dieses eigenartige Werk Kafkas, an dem viel herumgedeutet wurde.


"Das Schloß"
 
Der zweite Roman Kafkas, hinterlässt einen ähnlich bedrückenden Eindruck. Zwar ist hier der Held, der Landvermesser K., wesentlich aktiver als Josef K. im "Prozeß", der nur versucht, den Fängen des Gerichtes zu entkommen. Hier bemüht er sich, etwas zu leisten, scheitert aber an der bürokratischen Verwaltungsmaschinerie eines grotesken Stabes von Dienern und Beamten, die ihm verwehren, die Aufträge für das Schloß entgegenzunehmen. Bevor er noch sein Ziel erreichen kann, stirbt er.

Denselben Gedanken, dass ein Mensch das sich gesetzte hohe Ziel nicht erreichen kann und dass ihm die Vergeblichkeit seines Wohles vor Augen geführt wird, hat Kafka schon im "Prozeß" in der "Parabel vom Türhüter" ausgeführt. Der Mensch muss immer nur warten und stirbt, bevor ihm die Türen geöffnet werden.

"Amerika", Romanfragment
Stellt wie die beiden anderen Werke den einsamen Menschen, der mitten in der lauten Welt allein steht, und die Widerstände, die ihm überall entgegentreten, in den Mittelpunkt.

Die Erzählungen Kafkas vermischen Reales und Surreales, so schildert er in 

 
"Verwandlung" (1912)
einen Menschen, der nach einer Traumnacht am Morgen als entsetzliches Ungeziefer, als riesiger Käfer, erwacht, der bei Eltern und Schwester Abscheu erregt und zugrunde gehen muss.

"Das Urteil" (1912)
Behandelt einen Vater-Sohn-Konflikt: der Sohn begeht auf Geheiß des Vaters Selbstmord.

"In der Strafkolonie" (1919)
Es geht um die Frage der Gerechtigkeit, um Schuld und Sühne. Eine unheimliche Hinrichtungsmaschine ritzt dem Verurteilten das Urteil mit schreckenerregender Perfektion in den Leib.

"Ein Landarzt" (1919)
Ist eine Schreck-Miniatur, ein Arzt wird unter geheimnisvollen Umständen zu einem Krankenlager gerufen.

"Ein Bericht für eine Akademie"
Ein Affe erzählt in nüchternem Vortragston von seiner "Menschwerdung".

"Ein Hungerkünstler"
Der Held versucht, seinen Rekord zu brechen, wird von den Menschen vergessen.

Auch in Kafkas Tagebüchern gehen Erlebnisse, Überlegungen und Träume ineinander über und zeigen die furchtbaren seelischen Qualen eines von Lebensangst und Schuldgefühl gepeinigten Menschen. Ein Ausspruch aus einem Brief könnte über seinem gesamten Werk stehen: "Mein Leben ist Angst".
 
Max Brod (1884 - 1968)
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Aus Prag, war ein guter Freund Kafkas und hat nicht nur nach dessen Tod seine Werke herausgegeben, deren Bedeutung für die Gegenwart er richtig erkannte, sondern auch eine Kafka-Biographie verfasst. Die Diskussion um die Schriften Kafkas war sehr heftig, und die Ausstrahlung des literarischen Werkes mit seinem Grundgefühl der Angst, das den von geheimnisvollen Mächten bedrohten Menschen erfüllt, ist bis heute spürbar.

Brod lebte lange Zeit in Wien und wanderte 1939 nach Israel aus. Bekannt wurde er vor allem durch den geschichtlichen Roman

"Tycho Brahes Weg zu Gott"
in dem er das Leben des berühmten dänischen Astronomen aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts behandelt, aus dessen Beobachtungen Kepler seine Gesetze ableitete. Brod zeigt an Tycho Brahe und Kepler den großen Gegensatz zwischen Verstand und Herz sowie die Gottessehnsucht des mystischen Barocks. Brahe wird zuletzt durch Keplers Einfluss geläutert.
  
  
Quellen:
Schenk, I. (2015): DEUTSCH. Lehrbrief 31, Dr. Roland GmbH, 2. Auflage, Wien
Franz Kafka, online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AKafka.jpg (15.6.2016)
Joost Evers: Max Brod, Fotographie (1965), veröffentlich unter der Lizenz CC BY-SA 3.0, online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AMax_Brod_(1965).jpg (15.6.2016)
https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Myrabella: Kafka-Statue in Prag, Fotographie (2011), veröffentlicht unter der Lizenz CC BY-SA 3.0, online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AKafka_statue_Prague.jpg