Theorie:

Wie die Romantik seinerzeit um 1800 das Gefühl gegen die verstandesbetonte Klassik mit ihren strengen Gesetzen und ihrer Formenstrenge erhoben hatte, so zeigt sich knapp ein Jahrhundert später eine ähnliche Erscheinung:

Gegen die scharfe intellektuelle Beobachtung des Naturalismus, der in der Dichtung nicht die Kunst und das Schöne, sondern allein das Wahre sucht - möge dieses auch noch so hässlich sein -, tritt wieder eine gefühlsbetonte Richtung, die das Fantastische, Irrationale, aber auch das Ästhetisch-Schöne zurück in die Dichtung bringt.
 
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Die Neuromantik interessiert sich wieder für das Fantastische, Übersinnliche, Märchenhafte
 
 
Diese neue Strömung wird seit 1905 als Neuromantik bezeichnet. Eng verquickt und schwer zu trennen ist die Neuromantik von dem ihr verwandten Symbolismus. Die Vertreterinnen und Vertreter neigten teils mehr zur einen oder anderen Richtung, eine strenge Trennung ist aber kaum möglich. Trotzdem soll in diesem und im nächsten Kapitel das Charakteristische der beiden Richtungen herausgearbeitet werden.



Merkmale
  
Die Bezeichnung Neuromantik ist nur zum Teil gerechtfertigt: mit der Romantik hat sie die Liebe zum Übernatürlichen, Übersinnlichen, Märchenhaften, zu Spuk und Grauen, Traum und Vision gemeinsam. Die Sicht ist aber eine sentimentalische, auch fehlt der Universalismus der Romantik.

Nicht der gesunde Mensch, der zwar in die Abgründe des Seelischen einzudringen strebt, aber doch fröhlich und unbeschwert durch Wald und Wiesen wandert, ist Träger bzw. Trägerin der Dichtkunst. Es ist der nervöse, schon etwas verweichlichte, in einer Welt von Unnatur und Zivilisation stehende Mensch des beginnenden 20. Jahrhunderts.
 
 
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Die Dichtenden der Neuromantik sind nicht mehr in der Natur verwurzelt, sondern stehen in der Zivilisation des beginnenden 20. Jahrhunderts

Die Dichterinnen und Dichter der Neuromantik dringen mit Sigmund Freud tief in das Unbewusste ein und suchen das Geheimnisvolle vorerst in der menschlichen Seele zu erforschen. Dann gehen sie aber darüber hinaus in das Mysterium, in das Metaphysische der kosmischen Weltordnung, in die vorzeitlichen Mythen und Sagen, wo sie eine Entsprechung zu finden meinen.

 
Form und Sprache
Während in der Romantik die Formlosigkeit herrschte, weist die Neuromantik eine fast virtuose Beherrschung der Form auf, das Streben nach Schönheit im sprachlichen Ausdruck ist ihr eigen. Nicht mehr schlicht, einfach, naiv und volkstümlich, sondern bereits der Wesensart des komplizierten modernen Menschen angepasst ist die Sprache der Neuromantik.

Besondere Früchte hat diese Strömung auf dem Gebiete der Musik gezeitigt. Hans Pfitzner und Richard Strauss folgen mit einem Großteil ihrer Werke den neuen Idealen. Aber auch am Anfang dieser Richtung steht ein Musiker, dessen Schaffen die kommenden Generationen in maßgeblichster Weise beeinflusst hat: Richard Wagner, der geniale Dichter-Komponist.
  
Die Neuromantik - eng verwandt mit dem Symbolismus - wendet sich als gefühlsbetonte Richtung gegen den strengen Naturalismus und will das Ästhetisch-Schöne zurück in die Dichtung bringen. Im Gegensatz zur Romantik ist sie geprägt durch die moderne Zivilisation und legt Wert auf Virtuosität in der Sprache und Form.

  

Vertreter der Neuromantik (aber auch anderen Strömungen) sind zum Beispiel Arthur Schnitzler (Kapitel 8), Hugo von Hofmannsthal (Kapitel 9) oder Autorinnen und Autoren aus Kapitel 12.

  

Richard Wagner (1813 - 1883)
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Sein im Boden der Romantik wurzelndes Werk geht in den Schöpfungen der Reifezeit, nämlich in "Tristan und Isolde", dem "Ring des Nibelungen" und im "Parsifal", darüber hinaus ins Mythisch-Hintergründige, ins Kosmisch-Metaphysische.
 
 
"Tristan und Isolde"
Dieses Liebesdrama ist keine glorifizierende Ehebruchsgeschichte, denn es ist neben sinnlicher Glut auch von Weltleid und Todessehnsucht erfüllt. Über das Alltägliche hinaus wächst die Geschichte der Liebe von Tristan und Isolde ins Unvergängliche.

"Der Ring des Nibelungen"

Hier wird der Besitz des fluchbeladenen Goldes zum Sinnbild des Willens zur Macht, zur Weltherrschaft - nur von der Liebe kann dieser Fluch überwunden werden. Verstrickung in Schuld und der Erlösungsgedanke durch die über allem stehende Liebe finden hier ihre grandiose metaphysische Gestaltung.

"Parsifal"
In seinem letzten Werk überwindet der Dichter-Komponist den Pessimismus Schopenhauers. Die alle seine Werke durchziehende Erlösungsidee wird hier gepaart mit dem "Mit-Leiden" und klingt nicht in Weltverneinung aus, sondern wird weltbejahend im Sinne höchster christlicher Mystik verklärt.

Bedeutung

Diese Werke Wagners, in denen Sinnlich-Aufwühlendes so nahe neben Mystisch-Erschütterndem legt, haben eine ungeheure Wirkung auf die Zeitgenossen ausgeübt und ganz besonders auf eine in Frankreich entstehende Strömung, die der Neuromantik nahe verwandt ist, eingewirkt: den Symbolismus.

  
Quellen:
Mayer, Stephanie (2015): DEUTSCH. Literaturgeschichte 2, Dr. Roland GmbH, 8. Auflage, Wien
Schenk, I. (2015): DEUTSCH. Lehrbrief 28, Dr. Roland GmbH, 2. Auflage, Wien
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Brühler Markt um 1900, online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bruehl_Feuriger_Elias.jpg (6.6.2016)
Franz Hanfstaengl: Richard Wagner (1871), online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ARichardWagner.jpg (1.6.2016)