Theorie:

Österreich gehört zwar zu den wohlhabendsten Ländern der Welt, was sich am Pro-Kopf-BIP und am mittleren Einkommen der selbständig und unselbständig Erwerbstätigen erkennen lässt. Doch das sagt noch wenig über die Verteilung des Wohlstands aus. Von einem Sozial- und Wohlfahrtsstaat kann man erst dann sprechen, wenn ein großer Teil der gesamtwirtschaftlichen Leistungen (also des BIP) für die sozialen Einrichtungen aufgewendet wird. Das ist in Österreich tatsächlich der Fall: laut einer Studie der OECD wendet Österreich jedes Jahr 28,4% seines BIP für Sozialaufgaben aus und liegt somit im internationalen Spitzenfeld nur hinter Frankreich, Finnland, Belgien und Italien.
 
Der Entwicklung zum Wohlfahrtsstaat liegen die gesellschaftlichen Umwälzungen im Zeitalter der Industrialisierung zugrunde. Mit Durchsetzung der industriellen Produktionsweise sah sich die Bevölkerungsgruppe der Arbeiter und Arbeiterinnen neuen Risiken wie Invalidität (durch Arbeitsunfall) und Arbeitslosigkeit ausgesetzt. Andere Risiken wie Krankheit und Alter waren nicht neu, die überkommenen Hilfssysteme wie beispielsweise die Großfamilie verloren jedoch durch erforderliche berufliche Mobilität an Bedeutung oder wurden wie im Falle des Zunftwesens im 19. Jahrhundert abgeschafft.
 
Als wichtigste politische Voraussetzung gilt das Entstehen von Gewerkschaften und sozialistischen Parteien, von denen eine Bedrohung für die öffentliche Ordnung ausging. Es galt einerseits berechtigten Interessen der Arbeitnehmenden entgegenzukommen und andererseits soziale Konflikte mit der aufstrebenden Arbeiterschaft zu befrieden.
 
Die Grundstruktur des österreichischen Wohlfahrtsstaates wurde mit Einführung der bedeutendsten Sozialversicherungen (Pensionsversicherung, Krankenversicherung und Unfallversicherung) gegen Ende des 19. Jahrhunderts gelegt. Unter Bundeskanzler Bruno Kreisky wurde Österreich zu einem modernen Sozialstaat.
 
Kreisky-Koechler-Vienna-1980_Crop.jpg
Abb. 1: Unter Bundeskanzler Bruno Kreisky wurde Österreich zum modernen Industrie- und Sozialstaat.
 
Klassifizierung der Wohlfahrtsstaaten
Hinsichtlich der Klasifizierung des Wohlfahrtsstaates wird zwischen dem liberalen Wohlfahrtsstaatstyp, dem konservativen Wohlfahrtsstaatstyp und dem sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaatstyp unterschieden. Der österreichische Wohlfahrtsstaat wird hierbei, neben Deutschland und Frankreich, dem konservativen Wohlfahrtsstaatstyp zugeordnet:
  • Der liberale Wohlfahrtsstaatstyp ist durch einen hohen Anteil von staatlichen Leistungen geprägt, für die eine Bedürftigkeitsprüfung Voraussetzung ist. Universale und Sozialversicherungsleistungen haben daneben eine geringere Bedeutung. Die Umverteilung von Vermögen fällt gering aus. Beispiele für liberale Wohlfahrtsstaaten sind z.B. die USA, Kanada und Australien.
  • Der konservative Wohlfahrtsstaatstyp ist auf eine starke Gewährung sozialer Sicherheit bei Aufrechterhaltung von Statusunterschieden ausgerichtet. Die christliche Soziallehre übt in diesen Ländern einen großen Einfluss aus, daher wird eine Verpflichtung zum Erhalt traditioneller Familienformen gesehen. Anders als beim liberalen Modell ist die Bedeutung privater Absicherung marginal. Aber auch die Umverteilungswirkung ist eher gering.
  • Im sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaatstyp ist Universalität das oberste Gestaltungsprinzip. Soziale Sicherheit wird hier also der gesamten Wohnbevölkerung gewährt. In diesem Modell besteht eine höhere Umverteilungswirkung als in den beiden anderen Modellen. Beispiele für sozialdemokratische Wohlfahrtsstaaten sind z.B. Dänemark, Schweden und Norwegen
pflege425-xLarge.jpg
Abb. 2: Der österreichische Wohlfahrtsstaat ist auf die Gewährung sozialer Sicherheit bis ins hohe Alter ausgerichtet
Probleme des Wohlfahrtsstaates
  • Gewisse alte, ungelöste Problemlagen wie z.B. die relative Armut bestimmter Bevölkerungsgruppen oder wachsende Ungleichheitsrelationen
  • Der Vorwurf, der Wohlfahrtsstaat verfestige bestehende Problemlagen wie die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern
  • Der Wohlfahrtsstaat erzeuge neuartige Probleme, als Beispiel wird der Generationenkonflikt gesehen
  • Der Wohlfahrtsstaat erzeuge Ansprüche, auf die er nicht angemessen reagieren kann z.B. den  Einverdienerhaushalt
Quellen:
Abb. 1: http://austria-forum.org/aw/img/Kreisky-Koechler-Vienna-1980_Crop.jpg/Kreisky-Koechler-Vienna-1980_Crop.jpg (17.11.2017)
Abb. 2: http://www.halle.de/images/de/Verwaltung/Lebenslagen/Pflege/pflege425-xLarge.jpg (17.11.2016)