Theorie:

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Wilhelm Raabe (1831 - 1910) auf einem Bild von Wilhelm Immenkamp
  
Wilhelm Raabe aus Eschershausen in Braunschweig ist einer der originellsten Erzähler des 19. Jahrhunderts und ein großer Menschenschilderer, Pessimist und Idealist gleichzeitig.
 
Seine scharfe Beobachtung und wirklichkeitstreue Darstellung machen ihn zum Realisten (Einfluss von Dickens), Fantasie und Sprache zeigen noch romantische Züge. Er schildert - wie Jean Paul und Stifter - mit echtem Humor das stille Heldentum kleiner Leute und den Segen eines nach außen bescheidenen, jedoch innerlich reichen Lebens.
 
Raabe ist bekannt für seine Romane und Erzählungen. Es überwiegt eine subjektive Erzählhaltung mit Einschüben, Handlungsunterbrechungen, Anreden an das Publikum, usw.
 
Mit bitterer Ironie bekämpft er den wachsenden Materialismus und das Schwinden der Ideale bei der tonangebenden Gesellschaftsschicht, dem reichen Bürgertum. Seine Helden vereinen praktischen Sinn mit hohem Idealismus. Es sind oft Sonderlinge oder Einsame, die sich gegen die neue Zeit wehren.
 
Erzählende Dichtungen
"Die Chronik der Sperlingsgasse" 
 
Eine lieblich-idyllische Skizze aus einem verborgenen Winkel der Großstadt Berlin im 19. Jahrhundert. Diese Chronik wird von einem älteren Mann erzählt, der ein stiller Zuschauer der Ereignisse in der kleinen Gasse ist, die das Leben in seinen Höhen und Tiefen offenbaren.
 
"Die schwarze Galeere", geschichtliche Novelle
 
Diese Novelle handelt um 1600 während des niederländischen Freiheitskrieges. Die Niederländer vernichten eine Reihe von Galeeren der Feinde, fangen eine ab und bauen in kurzer Zeit in Amsterdam nach diesem Modell ein ähnliches Fahrzeug, dessen Farbe drohend schwarz ist.
 
Die schwarze Galeere dringt wie ein Gespensterschiff im Dunkel der Nacht unbemerkt in den Hafen von Antwerpen ein, und die niederländischen Freiheitskämpfer kapern acht spanische Schiffe. Mit diesen kriegerischen Ereignissen ist eine zarte Liebesgeschichte eng verknüpft. Die schwarze Galeere verkörpert die siegende unheimliche Macht des überzeitlichen Rechtes.
 
Romantrilogie
Mit seinen drei Romanen "Der Hungerpastor", "Abu Telfan" und "Schüdderump" schreibt Raabe eine Trilogie, die aufzeigen will, wie die Menschen Gefangene im Wirrsal dieser Welt sind und nur Menschen mit geistig-seelischem Adel den Wert der inneren, wirklichen Freiheit erkennen und sie vor dem Angriff der zerstörenden Kräfte bewahren.
 
 
"Der Hungerpastor", Roman
handelt in Mittel- und Norddeutschland
 
Inhalt 
 
Der Roman ist die Lebensgeschichte eines armen Schuhmachersohnes, Hans Unwirsch, der den Hunger nach Bildung von seinem Vater geerbt hat. Hans entwickelt sich zu einem großen Fantasten und zarten Gemütsmenschen, strebt nach Vervollkommnung und Seelenfrieden, besucht die Universität und reift durch viele Enttäuschungen zum Manne heran.
 
Sein Idealismus führt ihn ans Ziel, er wird Pastor in einer Hungerpfarre und heiratet Franziska, eine bescheidene Gesellschaftsdame aus dem Hause einer Geheimrätin. Im Kontrast zu Hans steht Moses Freudenstein, ein Trödlersohn, der den Hunger nach äußerlicher Ehre und Reichtum hat, für den Wissen nur ein Mittel zu Geld und Macht ist. So kommt der einstige Schulkamerad des Hungerpastors aus Gier um alle wahre Lebensfreude, wird ein Schurke und geht in Paris zu Grunde.
  
Idee: Die erhaltende und die zerstörende Macht des Hungers.
 
 
"Abu Telfan" oder "Die Heimkehr vom Mondgebirge"
Ort und Zeit: Nordafrika und Mitteldeutschland im 19. Jahrhundert 
 
Inhalt
  
Leonhard Hagebucher, ein relegierter Theologiestudent, gelangt über Italien nach Ägypten, beteiligt sich an den Planungen für den Suezkanal und kommt in Gesellschaft eines Elfenbeinhändlers ins Nilgebiet zum Mondgebirge. Er gerät dort in Gefangenschaft der Barraneger und verbringt über zehn Jahre in Abu Telfan als Sklave.
 
Ein Tierhändler kauft ihn schließlich los. Der Befreite kehrt nun über Triest in seine mitteldeutsche Heimat zurück. Er fühlt sich aber fremd in der Zivilisation, wo philisterhafte Enge, Rufmord, Herzlosigkeit, Niedertracht und Lieblosigkeit herrschen. Der verinnerlichte Träumer ist ein Einsamer in der Heimat. Er flieht in die weltfremde Katzenmühle, einen romantischen Bereich der Herzenswärme und überwindender Geduld.
 
Idee: Dieser Roman ist eine Kritik der modernen Zivilisation, der modernen Versklavung durch "wohldressierte Beamten- und Bankierseelen", die eine schlimmere Sklaverei darstellen als die bei den Wilden in Afrika.
 
 
"Der Schüdderump"
Ort und Zeit: Der Harz, 19. Jahrhundert 
 
Inhalt
 
In einem kleinen Städtchen wird den Fremden als Sehenswürdigkeit der "Schüdderump", ein Karren, gezeigt, auf dem vor Jahrhunderten die Pestleichen ins Grab befördert wurden. Dem Dichter wird er furchtbares Sinnbild unerbittlicher Schicksalsmacht. Er ist ein Symbol für die Eitelkeit alles Irdischen und soll an die Vergänglichkeit alles Seins gemahnen.
 
Die Menschen sind der Macht des Todes ausgeliefert, und nur wenige haben die Kraft, Adel und Ritterlichkeit der Seele bis in den Untergang siegreich zu behaupten, wie Antonie, das uneheliche Kind der Tochter des Dorfbarbiers Dietrich Häußler in Krodenbeck im Gebiete des Harz.
 
Das Kind verliert im fünften Lebensjahr seine Mutter, die mit dem Töchterlein auf dem Elendskarren in das Siechenhaus des Heimatortes gebracht wurde. Die einzige Bewohnerin des Armenhauses nimmt sich der Waise an, der Großvater ist indessen nach Österreich übersiedelt. Nach dem Tode der armen Frau findet Toni Zuflucht auf dem nahen Lauenhof, wo sie zu einer Dame im höchsten Sinne des Wortes erzogen wird.
 
Zwischen dem 16-jährigen Mädchen und dem zwei Jahre älteren Junker Hennig von Lauen entsteht beste Kameradschaft. Da holt der reiche und zum Baron von Haußenbleib gewordene Dietrich Häußler von Wien sein schönes Enkelkind, um mit ihm Geschäfte zu machen. Hennig besucht anlässlich einer Reise nach Italien die Jugendgespielin in Wien.
 
Sie ist todkrank. Toni soll einen Grafen heiraten. Der Junker will sie aber als Gattin auf den Lauenhof mitnehmen. Die Kranke weist diesen Vorschlag hellsichtig als einen aus Mitleid entstandenen Rausch zurück. Toni hat gegen die Welt gesiegt und stirbt.
Wilhelm Raabe gilt als einer der originellsten Erzähler des 19. Jahrhunderts, als großer Menschenschilderer, Pessimist und Idealist gleichzeitig. Bekannst ist er u.a. für seine subjektive Erzählhaltung in seinen Romanen und Erzählungen.

Wichtige Werke:

  • "Die schwarze Galeere" (Novelle)
  • Romantrilogie: "Der Hungerpastor", "Abu Telfan", "Der Schüdderump"

 

Quellen:
Schenk, I. (2015): DEUTSCH. Lehrbrief 24, Dr. Roland GmbH, 2. Auflage, Wien
Mayer, Stephanie (2015): DEUTSCH. Literaturgeschichte 2, Dr. Roland GmbH, 8. Auflage, Wien 
Wilhelm Immenkamp: Wilhelm Raabe (1911), online unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AWilhelm_Raabe.jpg (24.5.2016)